Karte von Shikoku mit den 88 Haupt- und 20 Nebentempeln


Freitag, 21. August 2009

Mittwoch der 18. März 2009, Tokushima, Bando, Ryokan Kadoya-Tsubakiso

Der dritte Tag in Japan

Die Nacht ist sehr kalt. Ich kann nicht schlafen, die Hüften tun mir weh und Hajo röchelt immer noch, dabei kann ich schon bei leisesten Atemgeräuschen nicht einschlafen. Mir steckt das Jetlack noch in den Knochen und ich hoffe, es bessert sich, wenn ich mich über Tag beim Wandern ausarbeite. Zum Frühstück gibt es Grünen Tee und Kasutera, eine von den Portugiesen eingeführter Rührkuchen. Heute soll unsere Pilgertour offiziell starten. Wir haben uns mit Pilgerutensilien versorgt, unsere Rucksäcke sind gepackt und ausreichend Kartenmaterial führen wird auch mit. Neben dem englischsprachigen Kartenbuch, habe ich auch das offizielle japanische Routenbuch gekauft, da die Nebentempel (Bangai), die wir auf alle Fälle auch besuchen wollen, nur hier verzeichnet sind. Zur besseren Orientierung habe ich mir eine Liste mit den 88 Haupt- und 20 Nebentempeln angelegt, die zusätzliche Informationen enthalten, ob und wo man kostenfrei unterkommen kann. Vorsichtshalber habe ich ins englische Kartenbuch jeweils die Seitennummern der Japankarte eingetragen, auf denen der Weg zu den Bangai Tempeln beschrieben wird, damit wir nicht zufällig einen übersehen.
Nach einer kurzen Fotosession, bei der wir uns gegenseitig in Baumwollkimono (Yukata) vor der Ziernische (Tokonoma) fotografieren, verabschieden uns von unserer Wirtin und machen uns auf den Weg. Vorbei an Tempel Nr.1, den haben wir ja schon besucht, statten wir Tempel Nr. 2 eine kurzen Besuch ab, da wir gestern die 1000-jährige Zeder nicht ausreichend gewürdigt haben. Keine 3 km weiter liegt Tempel Nr. 3 Konsenji. Wir laufen an der Straße entlang - Hajo als Navigator mit dem Kartenbuch voran und ich als Trecking Anfänger immer hinterher.

Exkurs Tempel Nr. 3 Konsenji (金泉寺)
Der Tempel soll ebenfalls von Gyōgi unter dem Namen „Konkomyoji“ im 8. Jahrhundert gegründet worden sein. Hier wird, wie in Tempel Nr. 1, Shaka Nyorai in der Haupthalle (Hondō) verehrt. Später wurde aber durch Kōbō Daishi der Tempel in Konsenji ,„Tempel der Goldenen Quelle“, umbenannt, nachdem er hier in einer Zeit der Dürre eine Quelle habe entspringen lassen. Es heißt, dass Kōbō Daishi einfach durch Hineinstoßen seines Wanderstocks in die Erde Quellen habe sprudeln lassen können, und das nicht nur auf Shikoku, sondern in ganz Japan. Neben seinen Fähigkeiten in der Dichtkunst, Kalligrafie (Shodō) und Bildhauerei (Schnitzerei), werden Kōbō Daishi immer wieder fast magisch anmutende Fähigkeiten wie Spontanheilungen und eben auch das Finden von Quellen aus dem Nichts zugeschrieben. Hier am Wasserbecken (chōzubachi) des Konkomyoji ist ein Stück Stoff aufgehängt, welches nur einen kleinen Durchgang freilässt. Es ist für die Frauen, die während der Geburt gestorben sind. Der Pilger bespritzt den Stoff mit Wasser zur Reinigung der Seelen dieser Frauen, so dass sie die Erleuchtung erlangen mögen. Weitere „Attraktionen“ sind das Grabmal des Kaisers Chōkei (1343-1394) und ein großer Stein, der von dem legendären Benkei, einem Kampfmönch und Bodyguard, als Zeichen seiner Stärke gestemmt worden ist.

Wir betreten das Tempelareal durch das Tor, verbeugen uns und suchen erst mal ein Plätzchen, wo wir unsere Rucksäcke abstellen können. Ich versuche meinen hölzernen Wanderstock irgendwo sicher hinzustellen und hänge den Hut dazu, damit ich freie Hände für das Sutra Rezitieren habe. Hajo hat so ein zusammenschiebbaren Wanderstock dabei. Er hat bis jetzt nur ein Baseballcap auf, da er sich später einen Hut kaufen möchte. Vielleicht sind die dann billiger, weil jeder Pilger seine Ausrüstung schon an den ersten Tempeln komplettieren möchte. Blaue Bänke mit der Aufschrift „kameyama rōsoku“ laden zum Verweilen ein, sie stehen auf fast jedem Tempelgelände. Hier stelle ich den Rucksack ab und klemme den Stock so rein, dass er möglichst nicht umfällt. Später finde ich im Internet, dass sich hinter „Kameyama Rōsoku“ eine Kerzenfirma verbirgt, die die Bänke gestiftet hat. Coca Cola würde wohl auch schlecht passen, obwohl das Rot mit dem Rot mancher Tempel doch recht gut harmonieren würde. Mal ganz davon abgesehen, dass fast jeder Tempel einen Getränkeautomaten auf dem Gelände stehen hat.
Hier treffen wir einige japanische Pilger, die sogar Englisch sprechen. Ein Herr mit blauem Kopftuch, der gut Englisch spricht, einer mit grünem Rucksack und einen humpelnden Japaner sollen wir noch öfters in den Tempeln treffen. Wir haben es aufgegeben, uns die Namen unserer Mitpilger merken zu wollen, meist fragt man erst gar nicht, weil die Japaner im Gegenzug sich auch unsere Namen nicht merken können. Ich kann die Personen auch am Besten anhand von charakteristischen Merkmalen identifizieren: Herr Blaukopf, Herr Grüner Rucksack und Herr Hinkebein. Mit einem jungen Mann aus Sendai, der zu Fuß mit einem Zelt unterwegs ist, freunden wir uns näher an und wollen die nächsten Tempel miteinander laufen.
Als wir fragen, wo es denn zum Bangai Tempel Nr. 1 geht, werden wir mit viel gekreuzten Armen niedergebrabbelt. Gekreuzte Arme bedeuten so viel wie „nicht erlaubt“ oder „nicht existent“. Das soll uns wohl klarmachen, dass der Trail zu Bangai Nr. 1 zurzeit nicht passierbar ist. Schade, aber vielleicht können wir auf dem Rückweg einen Abstecher machen, es wäre doch zu ärgerlich, wenn er als einiger in unserer Tempelsammlung fehlen würde.

Es geht am Suwa Schrein vorbei, noch sind wir hauptsächlich auf der Straße gelaufen, doch
jetzt geht es querfeldein - nein, nicht ganz, aber auf Trampelpfaden an den Feldern vorbei.
Der nächste Tempel gibt einen Vorgeschmack auf die Bergtempel, die wir zukünftig noch erklimmen werden, da er auf einer Anhöhe liegt. Wir folgen den kleinen roten Schildchen, den roten Aufklebern an Straßenschildern, den Steinsäulen (kyōseki), die mal mehr - mal weniger alt sind. Anfangs ist alles noch so gut beschildert, dass man auch ohne Kartenmaterial laufen könnte und selbst ohne Schilder – es laufen so viel Pilger, dass man, wenn man ihnen folgt, den Weg auch finden kann.

Exkurs Tempel Nr. 4 Dainichiji (大日寺)
Im „Tempel der großen Sonne“ wird Dainichi Nyorai verehrt. Es wurde von Kōbō Daishi gegründet, der auch die Statue des Dainichi Nyorai geschnitzt hat. Im Laufe seiner Geschichte wurde der Tempel immer wieder zerstört und aufgebaut. In einem verglasten Gang zwischen dem Haupttempel (Hondō) und der Kōbō-Daishi-Halle (Daishidō) stehen 33 Statuen der Senju Kannon Bosatsu und zahlreiche andere Figuren von chinesischen und japanischen historischen Persönlichkeiten.

Leider sind die Statuen alle hinter Glas, so dass das Fotografieren doch recht schwierig ist. ich Ich habe mir vorgenommen möglichst ohne Blitz zu fotografieren, um die Pilger nicht zu stören, um die Kunstgegenstände nicht zu schädigen und auch, um nicht allzu große Aufmerksamkeit zu erregen. Sonst heißt es noch, die blöden Deutschen laufen fotografierender Weise durch Tempel, anstatt die eigenen Augen zu benutzen. Klischee von fotografierwütigen Asiaten einmal anders herum! Ich fotografiere auch ungern Menschen in Japan. Wenn man höflich ist und sie fragt, setzen sie gleich einen anderen Gesichtsausdruck auf und formen mit den Fingern ein „Peace“ Zeichen. Deshalb wird es auch nur Beschreibungen von meinen Pilgerbekanntschaften geben und nur selten Fotos. Auch die japanische Geflogenheit, ein Bild von sich selbst vor einem Tempel zu schießen, habe ich nicht übernommen, da solche Bilder meist recht schief sind und zweitens meine Anwesenheit auf einem Bild nicht gerade den künstlerischen Ausdruck fördert. Wer will denn schon eine verschwitze, sonnenverbrannte und ausgemergelte „Langnase“ sehen? Nee Leute, ich zeige Euch gerne wie schön Shikoku ist, aber ich bleibe schön im Hintergrund!

Jetzt geht es also wieder bergab. Nachdem wir unsere Gebete vollzogen haben, das Rezitieren des „Hannya Shingyo“ (Herz Sutra) wird immer besser, verlassen wir gemeinsam mit unserer Reisebekanntschaft den Tempel in Richtung Nr. 5.

Exkurs Tempel Nr. 5 Jizōji (地蔵寺)
Der „Tempel des Jizō Butsatsu“ wurde von Kōbō Daishi auf Geheiß des Kaisers Saga im Jahre 821 gegründet. Ursprünglich war eine 5 cm große Jizō Busatsu Figur Objekt der Verehrung (Honzen). Der Priester Jōkan (13. Jhd.) schnitze, aber eine größere Jizō Figur (50 cm), in der die kleinere seitdem gelagert wird. Im Gegensatz zu der typischerweise sanften Darstellung von Jizō Bosatsu als Retter der Kinder, ist die größere Statue, ein „Enmei- Jizō“, als Krieger dargestellt. Bemerkenswert ist auch die U-förmige Rankan Halle. Rankan (Arhats) sind Jünger oder Gefolgsleute Buddhas, die den nichterleuchteten Wesen auf Erden helfen. Die Halle gliedert sich in einen Miroku-, Amida- und Daishi-Flügel in denen 500 Rankans, mit jeweils unterschiedlichen Emotionen und Körperhaltung abgebildet sind. Sie alle wurden im 18. Jahrhundert von den Buderpriestern Jisubun und Jitsumyō beschnitzt. Zentral steht eine Shaka Nyorai Statue mit dem Buddha der Zukunft, Mikroku Bosatsu, auf der linken und Kōbō Daishi auf der rechten Seite. Auf dem Tempelgrund befindet sich auch ein 800 Jahre alter Ginko-Baum (Tarachine ichō), der für langes Leben steht.

Als wir das Tempelgelände betreten, müssen wir erst mal nach dem Tempel suchen. Laufen vorbei an der Rankan Halle, weil nur der Ein- und Ausgang mit kleinen japanischen Schildern versehen sind. Auf halber Strecke schickt uns ein Pilger, der gerade auf der Treppe sitzt und seine Basen versorgt, wieder zurück. Während Hajo und ich uns also die Rankan Halle angucken, will unsere japanische Begleitung im Tempel das Sutra rezitieren. Wir bezahlen 200 Yen Eintritt und bewundern die Vielzahl von Figuren, die tatsächlich alle unterschiedlich sind. Ähnliche Ansammlungen von Rankans sollen uns noch später als Steinstatuen begegnen.

Gemeinsam verlassen wir dann doch den Tempel, aber auf dem Weg zu Tempel Nr. 6 fällt unser „tent boy“ (Zeltjunge) immer weiter zurück. Liegt es am heißen Wetter oder ist das Gepäck einfach zu schwer? Irgendwann ist er nicht mehr zu sehen, obwohl wir langsam gegangen sind und auf ihn gewartet haben. Wir entschließen uns in einem Truck-Stopp, der fast direkt am Trail liegt, eine Mittagspause zu machen. Wir stärken uns mit Tonkatsu, d.h. paniertem Schweineschnitzel und Reis, Wasser und Tee gibt es kostenlos. Wir beratschlagen, wo wir heute übernachten wollen. Leider laufen wir langsamer als Hajo geplant hat. Wir schleppen einfach zu viel mit. Wir überlegen, ob wir die Tempelunterkunft in Tempel Nr. 7 oder Nr. 8 nutzen wollen, aber es liegen uns unterschiedliche Informationen vor, ob diese Tempel gegen Bezahlung Unterkunft und Verpflegung (shukubō) anbieten.

Bei Tempel Nr. 6, wir hatten noch gehofft unseren Zeltjungen wieder zu treffen, müssen wir die Hoffnung aufgeben. Vielleicht hat er einen schönen Zeltplatz gefunden und die Pilgerwanderung für heute, vielleicht etwas früh, unterbrochen.

Exkurs Tempel Nr. 6 Anrakuji (安楽寺)
Anrakuji, der „Tempel der ewigen Freude“, lag urspünglich 1 km entfernt an einer heißen Quelle und ist von Kōbō Daishi gegründet worden. Manche sagen auch, dass der Heilige die Quelle mithilfe seines Wanderstocks selbst erschaffen hat. Die Statue des Yakushi Nyorai, die die Hauptgottheit verkörpert, wurde ebenfalls von Kōbō Daishi geschnitzt.
Nachdem der Tempel in Kriegswirren abgebrannt und mit dem nahe gelegenen Zuiunji Tempel zusammengelegt worden ist, wurde er 1660 an seiner jetzigen Stelle errichtet. Der Tempel ist berühmt für seine umgekehrte (upside-down) Pinie (sakasa-matsu), die auf eine Begebenheit im Jahre 815 zurück geht: Als Kōbō Daishi hier meditierte, schoss ein Jäger auf ihn, der ihn fälschlicher Weise für einen wilden Eber gehalten hatte. Glücklicher Weise verfehlte der Pfeil den Mönch und traf den Ast einer Pinie. Kōbō Daishi wies dem Jäger an, den Ast verkehrt herum einpflanzen. Überraschender Weise bekam der Ast Wurzeln und wurde zu einem 30 cm im Durchmesser dicken Baum.

Hajo liest mir die Tempelbeschreibung von David Turkingtons Seite aus dem Internet vor. Er hat so einen ganzen Schnellhefter mit Ausdrucken von der Homepage (http://www.shikokuhenrotrail.com/) aus der Rubrik „Tempelinformationen“. Nach dem Lesen „opfert“ er die Zettel in Ermangelung eines Mülleimers immer in den Kasten für die handschriftlichen Sutra-Kopien. Ich selber habe mir Notizen aus den Büchern „The 88 Temples of Shikoku Island“ und „A Journey of the Soul“ gemacht und führe sie in meinem Netbook mit mir. Man muss Gewicht sparen wo man kann und bevor ich die ganzen Bücher mitschleppe, mache ich mir doch lieber die Arbeit und gebe meine Notizen in den Computer. Ursprünglich war das Netbook als Pilgerbuchersatz geplant, in das ich vor Ort gleich meine Erlebnisse reintippen könnte. Aber über Tag passiert so viel, da kann man nicht immer das Netbook rauskramen bzw. zum Ausformulieren hat man auch keine Zeit. Deshalb sitze ich jetzt hier und hole die versäumte Arbeit nach. Wenn man den ganzen Tag läuft, hat man weder ich Kraft noch die Laune, sich den Abend um die Ohren zu schlagen, um seine Erlebnisse aufzuschreiben. Deshalb habe ich ein kleines Notizbuch dabei gehabt, in das ich abends mir einige der Dinge notiert konnte, die mir am Tag so passiert und aufgefallen sind. Zusammen mit den Bildern, die ich natürlich auch auf dem Netbook gespeichert habe, so viele Fotos wie ich gemacht habe, gehen auf keine SD-Karte, kann ich mir meine Tour wieder in Erinnerung rufen und die Haupt- und Nebensächlichkeiten hier ausformulieren.

Exkurs: Tempel Nr. 7 Jūrakuji (十楽寺)
„Der Tempel der 10 Freuden“ wurde im 9. Jahrhundert im Juuraku Tal von Kōbō Daishi gegründet. Er hat ebenfalls die Statue des Amida Nyorai geschnitzt. Mit der Benennung wollte er die 10 Formen des Leidens den 10 Formen der Freude gegenüberstellen. Früher war es ein großer Tempelkomplex, der jedoch in den Wirren und Kriegen des 16. Jahrhundert von den Truppen von Chōsokabe Motochika niedergebrannt wurde. Später wurde er an der jetzigen Stelle mit weniger Gebäuden wiederaufgebaut. Die Haupthalle stammt aus der Meiji Zeit (1868-1912), die Zeit ist nach dem damals herrschenden Kaiser Meiji benannt worden.
Der Tempel zählt eine antike Teetasse des Generals Yukimura Sanada, einem berühmten Samurai des 16. Jahrhunderts, zu seinen Schätzen. Das rot-weiße Tor (Sanmon) beherbert 70 Mizuko Jizō Figuren, dieser spezielle Jizō ist der Beschützer derjenigen Kinder, die vor ihren Eltern sterben (mizuko). Ein weiterer Jizō der „Jingan Jimmoku Kyuusai Jizō“ genannt wird, befindet sich links der Haupthalle. Er soll Augenleiden kurieren und Blinden das Augenlicht wiedergeben. Hierzu dient spezielles Wasser und auch protektiv können im Tempelbüro Amulette (o-mamori) erstanden werden. In der Nähe gibt es eine heiße Thermalquelle, den Gosho Onsen. Onsen ist eine Freiluftanlage, die von einer (natürlichen) heißen Quelle gespeist wird, aber auch gutes Essen und eine Übernachtungsmöglichkeit werden hier geboten. Man sollte dann auch gleich die lokale Nudelsuppenspezialität „Tarai Udon“ kosten.
Als wir den Tempel betreten kaufe ich mir erstmal ein „Clapis Water“ am Automaten, der direkt am Tor steht. "Calpis Water" ist so ein Joghurt-Mix-Getränk, gut gekühlt schmeckt es echt lecker. Hier sitzen schon andere Fußpilger, die wir auch in den vorherigen Tempeln schon mal gesehen haben. Man grinst sich an und, wenn es möglich ist, hält man ein kurzes Schwätzchen. Woher man kommt, was man so beruflich macht, ob und wie lange man die Shikoku Tour laufen will. Nachdem wir unseren Pflichtteil erfüllt haben, gehen wir ins Tempelbüro, um unsere Tempelbücher stempeln und beschriften zu lassen. Da wir wissen, dass der Autor von „88 – Pilgern auf Japanisch“, Gerald Koll, bei seiner Tour den Eintrag in sein Tempelbuch vergessen hatte, kaufen wir ein Blättchen, dass er sich in sein Buch kleben kann. Es enthält die gleichen Stempel und Kalligrafien wie der direkte Eintrag vor Ort. So ein Missgeschick ist der Horror für jeden Pilger. Bloß nicht den Eintrag oder den Wanderstock vergessen, das Zurücklaufen würde Zeit und Nerven kosten. Hajo hat endlich den passenden Hut gefunden, jetzt müssen wir schnell weiter, da hier die Tempelunterkünfte schon alle belegt sind oder gar nicht angeboten werden. Auf alle Fälle müssen wir weiter. Ein Mönch fragt uns noch, ob wir denn kein Handy hätten. Nein, da wir auch keine Reservierungen machen, benötigen wir auch kein Handy. Mal ganz abgesehen davon, dass man uns wohl kaum verstehen würde, weil Englisch hier nicht ungedingt gängig ist und mein Japanisch bzw. Verständnis des lokalen Dialekt geradezu mangelhaft sind. Notgedrungener Maßen wollen wir im „Okuday“ einkehren, einem Minshuku (Familienpension), weil wir gedacht haben, dass man im Gosho Onzen nur baden, aber nicht übernachten könne. Außerdem steht in unserem Reiseführer etwas wie „man würde nicht mehr aus dem Onsen herauskommen“. Wir fragten uns natürlich, ob der Autor es mit einem zwinkernden Auge meint, im Sinne man könne sich von den Annehmlichkeiten nicht mehr losreißen oder das Ding ist so teuer, dass man einen gleich da behält, um die Schulden abzuarbeiten. Aber wie gesagt, am besten erstmal eine einfache Unterkunft finden, da wir über die hiesige Preisspanne der Unterkünfte noch nicht orientiert sind. Leider spricht der Typ im Minshuku (Familienpension) kein Englisch, als Hajo in seinem Übermut auch noch einen Schritt hoch zu Empfangspult macht, er hatte sich nicht die Schuhe ausgezogen, brüllt der Typ doch glatt los. Das sind Kommunikationsprobleme auf höchster Ebene. Ich komme mit meinem Japanisch auch nicht viel weiter, aber er will uns wohl ein Business-Hotel empfehlen, von dem er einen Prospekt hat. Beide Streithähne haben sich wieder eingekriegt und nach einem Telefonat mit dem Hotel, übergibt der Wirt uns mit einem Lächeln die Hotel Broschüre. Er läuft noch ein Stück des Weges mit uns, um sicher zu sein, dass wir die richtige Straße finden. Wir marschieren weiter die Straße runter, vorbei an verlassenen Erdbeer-Verkaufsständen, einem Love-Hotel, einem Stundenhotel für japanische Liebespärchen, bis wir schließlich das „Awa Access“ sehen. Wir checken für 5500 Yen ein. Im Preis sind sogar westliches Frühstück mit Brötchen und Kaffee und Internetbenutzung inklusive. Das Hotel scheint nagelneu zu sein, die Zimmer sind sauber und alles ist ordentlich. Mit das beste Business Hotel auf meiner ganzen Reise. Das Abendessen besorgen wir uns im gegenüberliegenden Sunkus Kombini. 24 Stunden geöffnet, mit einer breiten Palette an Essen und anderen Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs. Die Auswahl ist nicht so groß wie in einem Supermarkt (suupaa), aber aus jeder Sparte mindestens einen Artikel. Deshalb scheue ich mich auch nicht die Verkäuferin nach Sonnenblock zu fragen. Aber da sie kein Englisch spricht und unsere Gesten zum Thema „Sonnenschein abschneiden“ nicht versteht, gebe ich die Idee bald auf. Zum Glück erkennt ein junger Mann unsere Not und erklärt der Dame den Sachverhalt. Komischer Weise haben sie keine Sonnenblocker im Angebot, obwohl ich meine Fläschchen bei früheren Japanaufenthalten sonst immer im „Kombini“ gekauft habe. Der nette Typ führt uns auf die andere Straßenseite, wo ein „Kusuri“, eine Art Drogeriemarkt mit Apothekenbereich, noch auf hat. Kein kleiner Laden, zum Glück hat der junge Mann gleich einen Verkäufer nach den Sonneblockern gefragt, so dass ich nicht lange suchen muss.
Zurück im Awa Access, nachdem wir unser Abendesse verschlungen haben, schreibe ich ein paar Notizen in mein Büchlein, Lade die Akkus meiner Kamera auf und speichere die Bilder von der SD-Karte auf das Netbook. Leider kann ich die Bilder nicht auf „Picasar“ einem Online-Album einstellen, da den Computern hier die Software fehlt. Aber Hajo und ich sind froh, dass wir sie von Japanisch auf Englisch bzw. Deutsch umstellen können. Nach einer kleinen Internet Session treffen wir uns zu einer Lagebesprechung im Speisesaal, da es im Business Hotel nur Einzelzimmer gibt, haben wir auch kein gemeinsames Zimmer.
„Wir müssen unbedingt Gewicht reduzieren, damit wir schneller sind!“ Ist Hajos Resümee für diesen Tag und er fordert mich auf, mit ihm zu überlegen, wo er denn noch reduzieren kann. Ich erkläre, dass ich bei meinem Gepäck nichts mehr reduzieren kann. Mir gehen die Augen über, als Hajo mir erzählt, dass er fast 1 kg an Magnesium-Brause-Tabletten mit sich rumschleppt und dazu noch 60 Diafilme für seine alte „Knipse“, vom Blitzgerät ganz zu schweigen. 17 kg und das als erfahrener Globetrotter, dabei hat er doch schon einen ganzen Rucksack im Deutschen Haus deponiert?

Dienstag, 17. März 2009, Tokushima, Bando, Ryokan Kadoya-Tsubakiso

Der zweite Tag in Japan

Wir kriechen so um 11.00 Uhr aus unseren Futons. Es war eine harte Nacht - im wahrsten Sinne des Wortes. Mir tut die Hüfte vom ständigen Drehen und Wenden weh. Ich bin zwar sehr müde gewesen, konnte aber aufgrund des Jetlags kaum schlafen. Wir haben uns gerade hochgerappelt, die Zähne am Waschbecken im Flur geputzt und sitzen beim gestern gekauften Lawson Frühstück, als das Telefon klingelt. Da ich als einzige ein bisschen Japanisch verstehe, nehme ich den Hörer ab und hauche ein vorsichtiges „moshi, moshi“ ins Telefon, wie es hier in Japan üblich ist. „Hallo, ist da Familie G…?“, kommt es im akzentfreien Deutsch durch den Hörer. „Ich heiße Patrick W…und komme hier aus dem Deutschen Haus in Naruto. Der Ryokanbesitzer hat mich angerufen und mir gesagt, sie hätten Probleme.“ Probleme hatten wir eigentlich nicht, vielleicht einige Verständigungsschwierigkeiten, aber nichts, was eines Dolmetschers bedurft hätte, denke ich bei mir. „Ich stehe gerade vor der Tür“, bei diesem Satz bricht bei mir Panik aus. Mein Gott, so viele Umstände, nur weil man sich nicht aufs Abendessen einigen konnte. Wir sind noch nicht fertig, wir müssen hier noch aufräumen, wir sind gerade aus dem Bett gekrochen, schießt es mir durch den Kopf. Glücklicher Weise wartet Herr W… so lange am Eingang bis wir uns und das Zimmer ausgehfein gemacht haben. Man weiß ja nie, ob die Wirtin zwischenzeitlich das Zimmer säubern und aufräumen will. Herr W... arbeitet hier in Naruto im Deutschen Haus, wäre aber bei der Stadt Naruto angestellt und als Koodinator für internationale Beziehungen nicht nur für ausländische Staatsgäste, sondern auch für ausländische Touristen zuständig. Da er perfekt Japanisch spricht, bestellen wir mit seiner Hilfe erst mal ein Abendessen (1200 Yen) und lassen der Wirtin ausrichten, dass wir uns, trotzt Kommunikationsprobleme, doch sehr wohl in ihrem schönen Ryokan fühlen. Da wir das „Deutsche Haus“ heute ohnehin besuchen wollen, machten wir uns gemeinsam auf den Weg. Dies soll unsere erste Fahrt mit einem japanischen Auto sein. Hier herrscht Linksverkehr, das allein löste bei der Fahrt schon aufgestellte Nackenhaare aus, wenn es dann noch so ein kleiner Flitzer ist, der die Bergstraßen hoch saust, kommt man sich vor wie in einer Achterbahn. Aber so steil ist der Weg zum „German House“ zum Glück nicht. Herr W… erzählt mir, dass er studierter Japanologe ist und aus Hamburg kommt. „Ja kennen Sie denn auch Y…-sensei aus dem Afrika-und-Asien-Institut, bei dem lerne ich seit einem Jahr Japanisch? Frage ich ganz aufgeregt. Natürlich kennt er meinen Japanisch-Lehrer, bei dem hätte er studiert und ich solle ihn grüßen, wenn ich nach meiner Reise wieder nach Deutschland komme. Die Welt ist doch klein!

Exkurs: Das Deutsche Haus in Naruto http://www.city.naruto.tokushima.jp/contents/germanhouse_deutsch/index.html
Als der erste Weltkrieg ausgebrochen ist, beteiligte sich auch Japan und griff im nördlichen China die deutsche Garnison Tsingtao an. 1917 wurden ca. 1000 Gefangene, die vorher an anderen Orten in Japan untergebracht waren, im Lager Bando zusammengelegt. Unter dem damalige Lagerleiter Toyohisa Matsue, einem Humanisten, der die Menschenrechte respektiere, konnten die Gefangenen ein relativ selbstbestimmtes und angenehmes Lagerleben führen. So erbauten und führten sie eine Ladenstraße mit Postamt, betrieben eine Druckerei, Lagerbibliothek, einen Park und Sommerhäuser, ja sogar eine eigene Krankenversicherung gab es im Lager. Kulturell wurde das Lagerleben mit Theater- und Musikaufführungen bereichert, wobei letzteres zur ersten Aufführung von Ludwig van Beethovens „Sinfonie Nr. 9“ auf japanischen Boden führte. Es gab einen starken kulturellen Austausch, der u. a. Viehzucht, Konditorei und Süßwarenherstellung mit einschloss. Anlässlich der Würdigung dieser kulturübergreifenden Zusammenarbeit wurde 1972 das erste, 1993 das jetzige „Deutsche Haus“ eröffnet. Es beherbergt eine Ausstellung zum Thema "Alltag im Kriegsgefangenlager" mit Gegenständen und Dokumenten aus der damaligen Zeit sowie einen kleinen Museums-Shop, in dem deutsche Lebensmittel und Geschenkartikel angeboten werden.
Bei einer Privatführung durch das Museum berichtet Patrick uns, dass gestern der Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulf, hier war und einen Kranz an einem Gedenkstein niedergelegt hat. Wir haben ihn wohl gestern, als wir durch den Park gestromert sind, vielleicht um eine Stunde verpasst. Zu wahren Begeisterungsausbrüchen lasse ich mich hinreißen, als ich dem Museumsshop durchstöbere: Neben deutschem Wein und natürlich auch Bier, gibt es hier Leckereien wie Haribo Gummibärchen und Lindt Schokolade. Es ist fast wie eine zweite Ausstellung: Während wir vorher deutsche Produkte bewundert durften, die noch aus der „Guten Alten Zeit“ stammen, wird hier ein Querschnitt aus der deutschen Produktvielfalt von heute gezeigt. Natürlich keine frischen Sachen, aber alles was irgendwie haltbar gemacht werden kann und den langen Weg über das Meer gefunden hat. Ich bin immer wieder fasziniert, mit welchen Attributen Deutsche hier in Japan assoziiert werden. Während wir in England vielleicht aufgrund unseres Sauerkrautkonsums als „Krauts“ bezeichnet werden, könnte man uns in Japan als „beers“ (von Bier), „sausages“ (von Wurst) oder als „Schweinshaxen“ bezeichnen, denn diese Produkte gelten als typisch Deutsch.
Von den Kuckucksuhren, Gartenzwergen und Lederhosen will ich gar nicht erst anfangen, aber wir werden eben nicht nur mit den Sachen in Verbindung gebracht, mit denen wir uns sonst rühmen, sondern mit ganz einfachen und nebensächlichen Geschichten.
Da Hajos Reispläne in Japan weiter reichten als nur die Shikoku Tour, er will auch Kyoto, Nara und Nikko besuchen, fragt er Patrick, ob er einige Sachen im Deutschen Haus zwischenlagern könnte. Da es kein Problem ist, will Hajo später einen kleinen Rucksack bei Patrick deponieren. Jetzt wollten wir aber den nahe liegenden ōasahiko Schrein besuchen, um uns die von deutschen Kriegsgefangenen erbaute „Deutsche Brücke“ anzusehen.

Exkurs ōasahiko Jinja: http://www.ooasahikojinja.jp/d/
Der Jinja oder shintoistische Schrein ist das Gegenstück zu buddhistischen Tempel. Shinto bedeutet „der Weg der Götter“. Götter oder „Kami“, wie sie im Japanischen genannt werden, können Seelen von Verstorbenen sein, aber auch Natur- oder Fruchtbarkeitsgottheiten.
Die Gottheit hier im Schrein ist ōasahiko no Okami, er soll der Mythologie nach der erste Siedler gewesen sein, der hier Flachs und Baumwolle angebaut hat. Er beschützt die Gläubigen vor Verkehrsunfällen und allem Bösen. Hierzu kann man im Schrein Amulette und Glückbringer kaufen, die man dann ins Auto hängt bzw. Aufkleber, welche die gleiche Wirkung haben sollen. Im Maruyama Park in der Nähe des Schreins sind die, wie oben erwähnt, von deutschen Kriegsgefangenen errichteten „Brillen-Brücke“ und „Deutsche Brücke“ zu besichtigen. Die Deutsche Brücke insbesondere steht heute noch als Symbol für die Freundschaft zwischen Japan und Deutschland.

Hier lasse ich mir in mein kleines Pilgerbuch (nokyochō), das mich schon bei meinem letzten Urlaub in Kyoto und Nara begleitet hat und sowohl Tempel- als auch Schreinstempel enthält, einen Eintrag machen. Auch für shintoistische Schreine gibt es Pilgerbücher, Goshoin heißen diese, aber so eng hatte ich das mit der Trennung der beiden Religionen bis jetzt nicht genommen. Beim Verlassen des Schreins laufen mir sogar noch zwei wilde Affen über den Weg, die sich jedoch recht scheu verhalten, obwohl sie hier anscheinend gefüttert werden. Eigentlich wollten wird jetzt zurück zur Straße, kommen aber an einem Schild vorbei, dass den Weg zum Filmset „Symphony of Joy“ ausweist, einem Film, der das Leben der Deutschen im Lager Naruto zu Vorbild hat. Da im Lager wie gesagt auch Beethovens „Ode an die Freude“ gespielt wurde, übernahm man den englischen Titel, da der japanische Originaltitel „Baruto no Gakuen“ also "Paradies der Bärte", wohl kaum einem Ausländer etwas in Verbindung mit dem Gefangenenlager Naruto gesagt hätte. Leider ist das Set geschlossen, wir können nur einige Handwerker beobachten, die wohl die Baracken in Schuss halten sollten. Wir laufen in Richtung Deutsches Haus zurück.
Hier machen wir bei einer ganzen Galerie von Getränkeautomaten ein kleines Päuschen, wo ich mir erst mal ein „Pokari Sweat“, ein isotonisches Erfrischungsgetränk, genehmige. Es fällt uns ein mit deutschen Fahnen geschmücktes Häuschen auf, das wir vorher doch glatt übersehen hatten. Es stellt sich als „Deutscher Imbiss“ mit angeschlossener Verkaufshalle heraus. Während im Imbiss vorwiegend deutsche Würstchen, Getränke, aber auch Marmeladen u. Ä. verkauft werden, ist die angeschlossene Halle den Produkten aus Naruto und Umgebung vorbehalten. Wir bestellen eine Thüringer- und eine Schinkenwurst und bekommen beide mit Senf und einem Klacks Sauerkraut serviert. Nach dieser Stärkung wollen wir zum Tempel Nr. 2 laufen, aber machten vorher noch einen Abstecher in den Park, wo der Ministerpräsident gestern einen Kranz niedergelegt hat.

Exkurs Tempel Nr. 2 Gokurakuji (極楽寺) http://tencoo.fc2web.com/jinja/xgokurakuji.htm
Der Tempel soll von einem Priester namens Gyōgi im 8. Jahrhundert gegründet worden sein, wahrscheinlicher ist aber die Kamakura Periode (13. Jhd.). Die Legende besagt, dass das Licht des Heiligenscheins des Buddha Amida Nyorai so weit strahlte, dass es die Fische in der nahe liegenden Bucht verschreckte. Um das zu verhindern, bauten die Fischer einen Hügel, deshalb ist der Tempel auch unter dem Namen „Sonnlicht Berg“ (Nisshōzan) bekannt. Hier steht eine 1000-jährige Zeder (Chōmeissugi), die von Kōbō Daishi gepflanzt worden sein soll und demjenigen, der sie berührt, ein langes Leben bzw. schwangeren Frauen eine leichte Geburt bescheren soll. Wie so viele Tempel wurde auch dieser im 16. Jahrhundert, in der Zeit der Bürgerkriege, Reichseinigung und anschließenden Abschottung, niedergebrannt. Die derzeitigen Gebäude sind relativ neu, da alle Tempel, die eine leichtere Geburt versprechen, von den Gläubigen häufig besucht werden und dementsprechend über finanzielle Mittel verfügen. In Japan gibt es keine Kirchensteuer, so dass sich alle Tempel, aber auch die Schreine, durch die Spenden der Gläubigen und das Geld für durchgeführte Rituale finanzieren müssen. Bemerkenswert sind ferner die vor den 44 Treppenstufen zu den Tempelhallen befindlichen Fußabdrücke Buddhas (bussokuseki).

Im Tempel Nr. 2 (Gokurakuji) haben wir jetzt Premiere. Zum ersten Mal betreten wir einen Tempel als Pilger und versuchen uns an die Etikette bzw. den Ritus zu halten, der bei uns im englischen Kartenbuch beschrieben worden ist. Es ist keine feste Vorschrift, aber so eine Art Roter Faden, den man je nach Belieben noch ausschmücken kann. Die Reihfolge - Tor, Glocke, Brunnen, Haupthalle und Daishi-Halle halten wir diesmal ein. Wir betreten das Pilgerbüro nachdem wir unsere Herz Sutra jeweils einmal vor der Haupt- und Daishi Halle „rezitiert“ haben, d.h. wir lesen die Silben von einem Blatt ab, welches ich bei der Reisevorbereitung aus dem Internet heruntergeladen hatte: Die Japanischen Schriftzeichen (Kanji), die Lesung der Kanji in lateinischen Lettern (Romaji) und jeweils die Übersetzung Wort für Wort und eine sinngemäße Übersetzung brachten uns dem schwierigen Thema Sutra näher. Zwar waren die Übersetzung in lateinischen Lettern, aber wir haben uns immer wieder verhaspelten oder sollte ich sagen versungen, da eine Silbe jeweils auf einen Takt kommt. Aber bei der Silbe „shiki“ gibt es doppelte Probleme - mal als „shiki“ und mal als „shi“ und ki“. Aber Übung macht den Meister. „Das musst aber noch besser werden.“, sage ich zu Hajo“ wir haben jetzt noch 214-mal (88 Tempel + 20 Bangais = 216) die Gelegenheit, das zu üben.
Da das Tempelbüro gleichzeitig ein kleines Lädchen mit vielen Pilgeraccessoires ist, wie fast alle Tempel der 88 Haupttempel, kaufe ich mir hier eine Pilgerweste (hakui), einen Hut (sugegasa), den Rosenkranz (juzu) und einen Stapel mit Namenszetteln (osame fuda). Die hilfsbereiten Damen zeigen mir, wie ich das Halteband am Hut zu binden habe und dass ich ein „toru“ (kleines Handtuch bzw. tenugui) darunter tragen sollte, um Scheuerstellen zu vermeiden. Beim Bezahlen bekomme ich mein erstes Pilgergeschenk (osettai), ein kleines, oranges Portmonee für Opfermünzen (osaisen). Das schöne bei Pilgergeschenken ist, dass man sie nicht ablehnen darf und ich so auch gar kein schlechtes Gewissen haben musst, da ich es mir auch hätte kaufen können. Jetzt sollte meine Pilgerausrüstung vollständig sein. Natürlich hätte ich auch Glöckchen (jirei), Täschchen (zudabukuro), Pilgerstola (wagesa) Kerzen, Weihrauchstäbchen und als Gegenstück zum Pilgerbuch ein Pilgerrollbild (kake-jiku) usw. erwerben können, doch wer soll das alles schleppen? Wenn ich die Tour beschafft habe, werde ich hier nach Herzenslust shoppen, aber auf der Tour werde ich es mir verkneifen, um überflüssiges Gewicht zu sparen.
Mittlerweile war es doch recht warm geworden. Während ich heute Morgen noch gefroren und die Lufttemperatur trotz Sonne doch als recht kühl empfunden hatte, würde ich sagen, das Thermometer hätte vielleicht 20 °C angezeigt. Hajo drängelt, da wir noch Tempel Nr. 1 besuchen wollten und er vor 17.00 Uhr seine Tasche bei Patrick im Deutschen Haus abgeben will. Kaum hat man begonnen so richtiges „Pilger Feeling“ zu entwickeln, da musste man schon wieder hetzen. Keine Rezitation der Sutra, nur schnell den Pilgerbuch Eintrag abgeholt und Hajo muss mit seiner Tasche zum Deutschen Haus hetzen.

Exkurs: Tempel Nr. 1 Ryōzenji (霊山寺)
Ryōzenj soll auf Geheiß des damaligen Kaisers Shōmu von einem Priester namens Gyōgi (668-749) gegründet worden sein. Obwohl sich mehr als 13 Tempel damit rühmen geistiges Kind dieses Priesters zu sein, der auch Brücken, Dämme und Straßen erbaut haben soll, ist es fraglich ob er überhaupt jemals auf Shikoku gewesen ist. Aber das ist wieder typisch Japanisch: Die Geschichten müssen nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen oder gar logisch sein, es gibt in der japanischen Kultur und explizit im Shinto so viele schöne Mythen, Geschichten und lokale Abwandlungen, dass keiner mehr wirklich sicher sein kann, wie oder ob es sich wirklich zugetragen hat. Und wenn man dann noch eine „Reliquie“ präsentiert bekommt, z.B. ein Haarbüschel von der Frau, die Kōbō Daishi zur Nonne ordiniert hat, da sie ihn mit selbstgewebtem Tuch versorgt hat, mag man umso lieber daran glauben.
Vielmehr soll Kōbō Daishi eine Vision vom historischen Buddha „Shakamuni“ (Siddharta) behabt haben, der auf dem „Geierberge“ in Indien das Herz Sutra gebetet haben soll. Der Tempelname „Der Tempel des heiligen Berges“ trägt dieser Vision Rechnung.
Kōbō Daishi soll auch die beiden Statuen von Dainichi und Amida geschnitzt haben, die jeweils andere Aspekten des allumfassenden Buddha verkörpern. Es gibt vor der Daishi-Halle (Daishidō) einen kleinen Teich mit Kois (jap. Zierkarpfen) und unter einem kleinen Dach die Darstellung der 13 Buddhas. Der Shingon Buddhismus, der Buddhismus des „wahren Wortes“, kennt 13 Aspekte Buddhas, jeder wird durch einen andere Figur verkörpert, die durch ihre Darstellung mit Kleidung, Accessoires und Handhaltung (Mudras) zu identifizieren sind. Klingt kompliziert, ist es für den Pilgerneuling auch, aber je mehr man sich reinguckt, desto mehr versteht man auch das Drumherum in einem Tempel. An dieser Stelle soll es für jetzt reichen, ich werde bei gegebenen Anlass immer wieder ein paar Fäden einweben, so dass zum Schluss ein, hoffentlich verständliches, Bild von dieser „Wunder-baren“ Religion entsteht.

Beim Abendessen, was sehr lecker ist, erklärt uns die Wirtin, dass nur die Frühstücksuppe aus Miso (Suppenpaste aus fermentierten Sojabohnen, Reis und Gerste) besteht, während die Suppe zum Abendessen eine Dashi Brühe ist, die aus Fisch und Seetang gekocht wird. Ja, ich verstehe nicht viel Japanisch, aber wenn es ums leibliche Wohl geht, verstehe ich fast alles. Ich gehe nach der Devise vor - man muss nicht alles mögen, man muss aber zumindest alles probieren! Ich frage lieber erst hinterher woraus das, was gerade noch lecker gescheckt hat, denn nun tatsächlich besteht. Man beraubt sich sonst von Anfang an der kulinarischen Genüsse.

Montag, 16. März 2009, Tokushima, Bando

Der erste Tag in Japan

Von der Touristeninformation schleppen Hajo und ich unsere Rucksäcke zur Bushaltestelle vor dem Flughafengebäude. Hier entsteht auch das einzige Foto unserer Reise, das uns zusammen zeigt, da sich ein Herr vom Busunternehmen zur Verfügung gestellt hat. Der sogenannten „Limousine Bus Service“ (http://www.kate.co.jp/pc/index_e.html) besteht aus einem Netzwerk von Bussen, die die Flughäfen und Hauptstädte verbinden bzw. Fluggäste aus den ländlicheren Regionen einsammeln und zu den Flughäfen kutschieren. Mein Vorschlag mit dem Bus nach Tokushima auf Shikoku zu fahren und dort den Tempelbus direkt zu Tempel Nr. 1 zu nehmen, war Hajo zu umständlich. So wollen wir schon an der Haltestelle „Naruto Highway“ aussteigen und mit der Bahn von "JR Naruto" über "Ikenotani" nach "Bando" fahren. Auf der Busfahrt gibt es einen Vorgeschmack auf die Natur und Sehenswürdigkeiten von Shikoku. Die grünen Bambuswälder an den Berghängen wirken wie kleine Farnwedel und von der Akashi-Kaikyo und Naruto Brücke können wir aus dem Bus heraus einen Blick auf die Algenzucht Anlagen und die berühmten Wasserwirbel werfen. Die Entfernung von der Bushaltestelle zum JR (Japan Railways) Bahnhof Naruto hatten wir allerdings unterschätzt, so dass wir erst bei einer weiteren Touristeninformation nachfragen müssen, wo es den zum Bahnhof geht. Mit einem weiteren Bus geht es quer durch Naruto und dann zum „Naruto eki mae“ (vorm Naruto Bahnhof). Mit dem ganzen Umsteigen und Umhergefahre war es dann doch umständlicher als der Umweg über Tokushima, aber letzten Endes landen wir dann doch am Bahnhof Bando und schlurren etwas erschöpft zu unserem Ryokan Kadoya tsubakiso (Ryokan: wörtlich „Reisegasthaus“; traditionell japanisches Hotel). Zum Glück kann ich die ersten Silben auf dem Schild „Kadoya“ lesen, da es in japanischer Silbenschrift (Hiragana) geschrieben ist, während ich der japanischen Schriftzeichen (Kanji) für „tsubakiso“ noch nicht mächtig bin.
Hier werden wir auch gleich typisch japanisch begrüßt: Die nicht mehr ganz so taufrische Japanerin schmeißt sich vor uns auf die Knie, verbeugte sich fast bis zum Boden und begrüßte uns mit einigem Gemurmel. Dass Japaner sich viel stehender Weise verbeugen kannte ich schon, aber dass die ältere Dame nun auf den Holzboden herum rutscht, tat mir dann doch etwas leid. Wir ziehen unsere Schuhe, wie in einem traditionell japanischen Gasthaus üblich, im Vorraum (genkan) aus und schieben sie in das dafür vorgesehene Regal. Am Ende der drei Stufen warten schon Hausschuhe auf uns, die natürlich viel zu klein sind. Aber wir machten bei dem Spiel erstmal mit. Wir bezahlen erst einmal die zwei Übernachtungen, die telefonisch gebucht worden waren. Als die Wirtin uns das Gepäck abnehmen will, lehnen wir dankend ab, das ist nun wirklich zu schwer für so ein kleines, zartes Mütterchen. Wir merken schnell, dass sie weder Englisch spricht noch versteht. Viele Japaner sind Ausländern gegenüber sehr zurückhaltend, nur weil sie kein Englisch sprechen, heißt das noch lange nicht, dass sie auch kein Englisch verstehen! Da die nette Frau von der Touristeninformation uns angekündigt und das Zimmer ohne Essen bestellt hatte, versuchen wir der Wirtin klarzumachen, dass wir hier doch gerne zu Abend essen wollen. Als das Wort „bangohan „ (Abendessen) fällt und sie uns die Uhrzeit „Acht“ nennt, sind wir sicher, dass die Kommunikation doch nicht so schwierig sein wird.
Sie zeigt uns ein Raum, der mit Reisstrohmatten (tatami) ausgelegt ist und eine Schmucknische (tokonoma) mit Rollbild (kakemono) und Fernseher aufweist. Ich hatte mich vorher mit Hajo geeinigt, dass wir gemeinsam ein Zimmer beziehen wollen, da die Toiletten und Waschräume ohnehin separat sind. Vor dem Betreten des Zimmers ziehen wir, wie in Japan üblich, die Hausschuhe wieder aus. Im Raum befinden sich nur ein flacher Tisch mit Sitzkissen, eine Art Mülleimer, ein Tresor, der nicht gerade zum traditionell japanischen Interieur passt und ein Kasten mit Baumwollkimono (yukata) und Handtüchern. Die inneren papierbespannten Schiebetüren (shoji) werden zurückgeschoben und machen so den Blick durch eine weitere gläserne Schiebetür frei, durch die man in den kleinen Garten sehen kann. Es gibt eine große papierbespannte Deckenleuchte, ein Wandtelefon und eine Notfall-Taschenlampe. Mit einer Handbewegung winkt die Wirtin uns aus dem Zimmer und führt uns über Gänge tiefer ins Haus. Sie zeigt uns die Toiletten (toire oder otearai), das im Gang befindliche „Badezimmer“ (senmenjo) mit Waschbecken (senmen-ki), der daneben stehenden Waschmaschine (sentaku-ki) und Trockner (kanoo-ki). Etwas weiter kommen wir zum Gemeinschaftsbad, dem O-furo, welches aber streng nach Männlein und Weiblein getrennt wird. Hier wird sich in einem Vorraum entkleidet. An einer Art niedrigen Dusche, auf einem kleinen Plastikschemel sitzend, wird sich erstmal gründlich gewaschen, bevor man das eigentliche Bad genießen darf. Das kleine Handtuch, was man im Zimmer vorgefunden hat, wird als Waschlappen benutzt. Und erst wenn man wirklich sauber ist, darf man in das, für europäische Verhältnisse, sehr heiße japanische Bad steigen. Wobei es auch nicht so eine Badewanne ist, in die man sich räkeln kann. Es ist vielmehr eine Art Badezuber, in den man sich reinsetzt und hauptsächlich entspannen soll. Meist ist das Bad mit einer Rollmatte abgedeckt, damit es nicht auskühlt, da alle weiblichen bzw. männlichen Gäste das gleiche Badewasser nutzen.
Kaum haben wir für unsere Rucksäcke im Zimmer den richtigen Platz gefunden und uns am niedrigen Tisch auf den Sitzkissen niedergelassen, kommt die Wirtin abermals. Sie bringt uns heißes Wasser, eine Teekanne mit kleinen Teetassen und in Papier eingeschlagene Kekse. In einer Teedose sind zwei kleine Beutel mit Grünem Tee und weitere Zutaten, die ich leider nicht identifizieren kann. Der Tee schmeckt aber irgendwie kräftiger, als wäre da noch etwas Geröstetes dabei. Hajo als passionierter Teetrinker bereitet den Tee zu, während ich neugierig die mit Schiebetüren versehenen Wandschränke inspiziere. Hier liegen Berge von Matratzen, Überdecken und einfachen Wolldecken. „Futon“ nennt der Japaner sein einfaches Nachtlager, das aus, z. T. mit einer dünnen Schaumstoffmatratze als Unterlage, einer gesteppten Matte als Zwischenlage und einer großen, weichen, aber sehr schweren Zudecke besteht. Komplettiert wird das Gebilde durch ein mit Reis gefülltes Kopfkissen, was aufgrund des harten Inhalts nicht unbedingt mit unserem Feder gefüllten Kopfkissen verglichen werden sollte. Da in Japan Platz Mangelware ist, werden die Futons über Tag wieder in die Wandschränke geräumt. Beruhigt atme ich auf, trotz der noch recht kalten Temperaturen, musste ich nicht fürchten, in der Nacht zu frieren. Es gibt zwar meist eine Klimaanlage, doch ist die hauptsächlich für die wärmere Jahreszeit gedacht. Zentralheizung kennt man in diesem Teil Japans nicht, es werden allenfalls kleine transportable Ölöfen bzw. elektrische Wärmestrahler aufgestellt.
Aber der Tag ist noch jung und ich bin auch noch nicht zu müde. So beschließen wir, die Umgebung ein bisschen zu erkunden und schon mal Tempel Nr.1, der direkt in der Verlängerung unserer Straße liegt, einen kurzen Besuch abzustatten. Wir laufen also die Straße entlang und suchen die beiden anderen Unterkünfte, die in unserem englischsprachigen Plan eingetragen sind und, laut Dame an der Touristeninformation, ausgebucht waren: Minshuku Tsushimaya und Minshuku Awa. Minshukus sind eine Art Familienpension - alles ist etwas einfacher und familiärer, da kann man schon mal mit der Wirtsfamilie an einem Tisch essen.
Jetzt stehen wir vor dem Tor zu Tempel Nr. 1 und grinsen uns an, weil direkt vor dem Tor ein breiter Zebrastreifen mit Ampel entlang läuft. Auch die mit Pilgerkleidung versehene Schaufensterpuppe im Eingang lässt bei uns einen anderen Eindruck aufkommen, als dass hier die älteste Pilgertour der Welt beginnt. Hoffentlich überfällt uns hier nicht der Kitsch, den ich von den Souvenir Shops aus Osaka und Tokyo kenne. Aber weit gefehlt, es gibt hier zwar insgesamt 3 Läden: einen außerhalb des Tempelgeländes mit angeschlossenem Teehaus, einer in der Haupthalle (Hondō) und einen direkt am Busparkplatz, doch wird hier nicht überdurchschnittlich viel Schnickschnack und Kitsch verkauft. Jedenfalls nicht mehr als in anderen Tempeln. Dass hier viele Sachen aus Plastik sind und eventuelle auch „made in china“, daran hat sich der Durchschnittsjapaner längst gewöhnt, weil traditionelle Handarbeit und Holzarbeiten wohl viel zu teuer wären. Wir betreten den Tempel durch das Tor. Noch sind wir Touristen, beim nächsten Mal werden wir uns vor dem Tor verbeugen und dem Ritual der Pilger folgen.

Exkurs: Pilgeretikette
Nach Verbeugung und Durchschreiten des Haupttores (mon) geht man zum Wasserbecken (chōzubachi), wäscht Hände und spült den Mund, geht weiter zum Glockenturm (tahōtō), schlägt die Glocke und verrichtet sein Gebet an der Haupthalle (Hondō). Hier können nach Belieben Räucherstäbchen oder Kerzen entzündet werden. Der Gong (waniguchi) an der Halle kündigt der Gottheit (honzon) an, dass man ihr huldigen möchte. Namenszettel (osame fuda), auf denen Name, Datum und Grund des Besuches vermerkt sind, kommen in die dafür vorgesehene Box, auch für handschriftlich kopierte Sutren steht eine Box zur Verfügung. Nach einer kleinen Münzspende (osaisen) in den Opferkasten, nimmt man den buddhistischen Rosenkranz (juzu) und das Sutrabüchlein zur Hand, wenn man das Sutra noch nicht auswendig kann. Das Rezitieren erfolgt schnell oder langsam, puristisch wie ein Gedicht oder theatralisch fast wie ein Singstück. Mal laut oder auch ganz leise, der eine flüstert, der andere brummt es im vollen Brustton. Experten des Shingon wissen genau, wann welche Sutra (buddh. Gebet), Mantra (Wortformel) oder Goeka (buddh. Lied) zu rezitieren sind, aber für uns „Trecking-Buddhisten“ reicht eigentlich schon das Kōbō Daishi Mantra („Namu Daishi Henjō Kongō“) und die Herz-Sutra (Hannya Shingyo). Gleiches passiert nochmals vor der Daishi Halle (daishidō), die zu Ehren des Sektengründers Kōbō Daishi (Mönchsname Kukai) errichtet worden ist. Danach darf man sich den Besuch im Pilgerbüro (nōkyōsho) dokumentieren lassen.
Wir schauen uns um, machen ein paar Fotos und wundern uns, dass hier die Gebäudeanzahl doch recht übersichtlich ist. Trotz der Wichtigkeit als Startpunkt der Pilgerreise steht hier kein großer Tempelkomplex mit vielen Nebengebäuden. Ein netter, kleiner Tempel eben, mit einem kleinen Teich mit Kois (japanische Zierkarpfen) vor der Kukai-Halle (daishidō), einer Haupthalle (hondō) in der der Amida Nyorai verehrt wird, einer kleinen Pagode, ein paar Standbildern, Steinfiguren und einem Platz, wo sich die Buspilgergruppen fotografieren lassen können.

Es ist schon kurz vor 17 Uhr. Das heißt für den versierten Pilger, dass das Pilgerbüro (nōkyōsho), wo man nach erfolgtem Gebet das Pilgerbuch (nōkyōcho) stempeln und beschriften lassen kann, gleich schließen wird und auch im Lädchen räumt man schon die Waren weg. Wir verlassen den Tempel, machen aber noch einen Abstecher in den Laden vor dem Tempelgelände. Hier erstehen wir beide ein Pilgerbuch (nōkyōcho). Es ist etwas größer als die anderen Bücher und zeigt auf einer Seite eine kleine Zeichnung vom Tor, der Haupthalle oder irgendetwas Charakteristisches vom jeweiligen Tempel. Hier kaufe ich auch meinen Wanderstock (kongozue) mit Brokatstoffgriff und Glöckchen. Wir laufen noch ein wenig in der Gegend herum und finden Teile der Gedenkstätte des Gefangenlagers, in dem im Ersten Weltkrieg deutsche Gefangene untergebracht waren. In der Karte steht auch was von einem „Deutschen Haus“ und einem Filmset für den Film „Symphony of Joy“, aber es wird langsam dunkel und wir wollen zurück zum Ryokan.

Bei der Ankunft im Ryokan nimmt die Wirtin meinen Wanderstock und stelle ihn in die Schmucknisch (tokonoma). Das ist so üblich, da der Stock den Sektengründer verkörpert und man so Kōbō Daishi in Person bei sich beherbergt. Nachdem wir unser Bad auf die traditionell japanische Weise genommen haben, es gab zwar einen Schlüssel für unser Zimmer, dennoch haben wir nicht gleichzeitig gebadet, da einer immer ein Auge auf unsere Sachen haben musste, warten wir auf das Abendessen. Aber es kommt nur ein Anruft von unserer Wirtin, in dem sie uns eine gute Nacht wünscht („o yasumi nasai“). Verdattert gehen wir in die Küche und fragen nach. Aber die Wirtin besteht darauf, dass wir kein Essen bestellt haben. Aber warum hat sie denn was von 8.00 Uhr geschnackt? Etwas verärgert ziehen wir ab, aber da wir in der Straße beim Tempel einen „Lawson“ Kombini, eine Art 24-Stunden Supermarkt, gesehen haben, holen wir uns unser erstes japanisches Abendessen von dort und kaufen auch gleich etwas für das Frühstück ein. Nachdem unser Hunger gestillt ist, kriechen wir in unsere Futons. Wohlweislich habe ich 4 Wolldecken über dem Futon ausgebreitet, um nicht zu frieren. Da mir die Hüften wehtun, ich bin das Schlafen direkt auf dem Boden nicht gewöhnt, falte ich die Unterlage einmal, so dass sie jetzt zwei Lagen dick, aber nur halb so breit ist. Ich kann aber trotzdem nicht schlafen, da Hajo immer dann zu husten beginnt, wenn er kurz vorm Einschlafen ist. Er hatte die Woche vor dem Abflug noch eine heftige Erkältung gehabt und die sein wohl noch nicht auskuriert, erklärt er mir später.

Sonntag, 28. Juni 2009

Sonntag, 15. März 2009: Reisefieber - jetzt geht’s los!

Der große Tag war gekommen - endlich sollte es wieder nach Japan gehen. Nachdem ich nach meiner Doktorarbeit schon mal einige Monate in Japan (2005) gearbeitet und einen dreiwöchigen Japanurlaub mit Bewerbungsgespräch auf Okinawa (2006) absolviert hatte, sollte dies mein dritter Japanaufenthalt werden.

Ursprünglich wollte ich mit meinem Reisekollegen Hajo am gleichen Tag am Flughafen Kansai in Osaka ankommen und dann gleich weiter nach Shikoku reisen. Leider hatte Hajo zu spät gebucht, vielleicht lag es auch an seinen Bonusflugmeilen, die er einlösen wollte, jedenfalls bekam er keinen Flug für den gleichen Tag, sondern musste schon einen Tag früher starten. Das fängt ja gut an! Da ich den Flughafen Kansai schon von meiner letzten Reise kannte, empfahl ich ihm ein nettes Business-Hotel am Namba Bahnhof in Osaka, da die Hotels direkt am Flughafen doch recht teuer sind. Aber Hajo hatte sich die "Internationale Jugendherberge" in Hagoromo ausgeguckt, die ist näher dran und auch billiger, wenn man im Schlafsaal übernachtet. Zur Not wollte er sich mit seinem Biwak-Sack, eine Art wetterfester Überzug für den Schlafsack, ein Plätzchen im Park suchen, in dem die Jugendherberge steht. Auch ich hatte mir noch auf den letzten Drücker einen Jugendherbergsausweis und eine Karte der „yuusu hoteru“, wie sie auf Japanisch heißen, besorgt.

Ich hatte bei Finnair gebucht und der Flieger sollte von Hamburg um 12.50 Uhr starten. Ich hatte eigentlich gut geschlafen, aber schon beim Frühstück machte sich die Anspannung bei mir bemerkbar. Wohlweislich wollte ich zum Frühstück Eier essen, die halten etwas vor und sind nicht so schnell durch wie Marmeladenbrote. Aber ich kaute und kaute, aber das Brot wollte nicht rutschen. Und ich merkte wie nervös ich war. Es dauerte einige Zeit, bis ich die Scheibe Brot heruntergewürgt hatte. Auf meinen Morgenkaffee verzichtete ich, weil ich nicht wusste, wann ich das nächste Mal ein Stilles Örtchen finden würde. Da Kaffee einen sehr entwässernden Effekt auf mich hat, verzichtete ich in Japan größtenteils auf mein Lebenselixier, ohne das ich morgens kaum aus dem Bett komme. Und immer wieder der Gedanke: “Noch kannst Du einen Rückzieher machen - was wird das bloß alles kosten?“

Von meiner Idee ein Zelt mitzunehmen war ich bereits abgewichen, da die meisten einfach zu schwer bzw. die extrem leichten auch extrem teuer sind. „Hast du genug trainiert? Du hättest wirklich mehr lange Strecken laufen sollen und vor allen Dingen die Trainingseinheiten mit vollem Marschgepäck, nicht nur mit deinen Wasserflaschen! Der Hajo ist Marathon- und Langstreckenläufer, der wird auf eine Schnecke wie dich nicht lange warten. Du hättest doch mehr Gepäck zuhause lassen sollen. Der Hajo hat bestimmt nur die empfohlene Menge von 6 kg eingepackt und als erfahrener Globetrotter wird er dich über Stock und Stein führen und dann? Ok, ok, ich helfe ihm, den Trail bei Tempel Nr. 1 zu finden und dann kann er davonspurten. Aber wenn ich bedenke was das alles kostet, der Yen steht doch so schlecht! Aber was soll man machen - noch länger warten? Sollte ich erst mal wieder eine Arbeit finden ist sowieso Essig mit Shikoku. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ich versuchte meine Nervosität niederzukämpfen. Mittlerweile waren wir, d.h. ich und meine Eltern, auf dem Flughafen eingetroffen. Wo ist denn bloß der Check-in-Schalter von Finair? Laut Anzeige soll es Nr. 6 sein, die Auskunft sagt aber Nr. 4. „Verdammt, wir sind viel zu früh dran, die öffnen erst in einer halben Stunde.“
Am Check-in-Schalter musste ich diesmal nicht fürchten, dass mein Gepäck zu viel wiegt, mit den 12 kg hatte ich noch viel Luft nach oben. Ich schleppte meinen Rucksack zum Sperrgepäckschalter und verabschiedete mich von meinen Eltern. Und schon hatte ich das nächste Problem: Aufgrund von Umbauarbeiten war die übliche Personenkontrolle verlegt worden, ich sah nur ein Schild mit der Aufschrift:“ Zur Sicherheitskontrolle bitte zum Flughafen Plaza“. Wo ist denn jetzt das Flughafen Plaza? Das fängt ja gut an, wenn ich schon im Flughafen nicht meinen Weg finde, wie soll das erst im Bergwald von Shikoku laufen?

Ich saß alsbald am Gate und wartete auf meinen Flug nach Helsinki. Die Nervosität hatte sich etwas gelegt und ich kaufte mir ein Croissant. Draußen regnete es. In Hamburg war mal wieder schlecht Wetter und ich hoffte auf weniger Regen auf Shikoku. Als der Flieger dann in Helsinki landete, lag da sogar noch Schnee. Ob ich auf Shikoku auch noch Schnee in den Hochlagen finden würde? Auf meiner Übersichtskarte der Insel waren sogar kleine Skifahrer eingetragen. Die Bilder vom Schnee auf Hokaido, der nördlichsten Insel, und in den Japanischen Alpen um Nagano kannte ich, aber auf einer Insel, die für Ihre Orangenplantagen berühmt ist?

Der Flieger nach Japan sollte um 17.50 Uhr starten, doch das Bording begann verspätet. Es musste noch eine Toilette repariert werden! Jetzt saß ich also in dem Flieger, der mich meinem größten Abenteuer näher bringen sollte. Wohlweislich hatte ich ein Sitzplatz am Gang gewählt, da muss man nicht immer die Leute bitten aufzustehen, wenn man ein dringendes Bedürfnis hat. Die Ankunft auf Kansai Airport war für 9.45 Uhr vorgesehen, ich hatte also rund 13 Stunden Flug mit nachfolgender Busreise und Ortsbesichtigung in Bando um den Tempel Nr. 1 vor mir. An Bord wurden wir mit einem Mix aus europäischem und japanischem Essen „verwöhnt“ und auch das Bordprogramm ließ zu wünschen übrig: Kein Wunschfilmmenü, wie ich es von KLM kannte, keine Zahnbürsten und Socken wie es sie bei Cathey Pacific gab. Dafür ist Finnair einer der günstigsten Anbieter auf dieser Route.

Leider hatte ich einen Sitznachbarn, der die Zähne nicht auseinandergekriegt hat und lieber die ganze Zeit schlafen wollte. Um die Zeitverschiebung zu von 8 Stunden zu mildern, wird an Bord eine künstliche Nacht eingeschoben: Die Fensterblenden werden geschlossen und das Licht wird gedimmt. Das half mir aber auch nichts. Ich kann normalerweise schon nicht im Sitzen schlafen, „langmachen“ konnte ich mich wegen meines Nachbarn auch nicht. Dafür schnarchte die Japanerin im Gang gegenüber. Sie konnte sich über drei Sitzplätze ausbreiten und liegender Weise der Heimat entgegenträumen. Leichte Turbulenzen und kleine, kreischende Kinder taten ein Übriges, damit ich kein Auge zumachen konnte.

Endlich kam Kansai in Sicht! Der Flughafen, der in der Bucht vor Osaka liegt, wurde im September 1994 eröffnet und liegt auf einer künstlichen Insel, die 4 km lang und 1200 m breit ist. Er ist eine technische Meisterleistung, obwohl er anfangs schneller abgesackt ist als erwartet, hat er sich auf gegenwärtig 4,8 cm pro Jahr eingependelt. Dieser Bewegung wird durch ein ausgeklügeltes Anpassungssystem ausgeglichen. Sogar das große Kobe Erdbeben von 1995, Kobe liegt ganz in der Nähe, hat der Flughafen unbeschadet überstanden. Eine weitere Superlative ist das Flughafengebäude: Der Terminal wurde von dem Architekten Renzo Piano entworfen und ist der längste zusammengehörenden Gebäudekomplex der Welt. Wer hier ankommt, wird mit einer Monorail-Bahn zur Abfertigung gefahren. Der Flughafen besitzt eine eigene Bahnstation, Hotel- und Einkaufskomplexe und ist mit einer zweistöckigen Brücke für Bahn- und Autoverkehr ans Festland angebunden. Bei meinem letzten Besuch war die geplante, zweite Landbahn noch in Bau, sie ist jedoch schon im August 2007 fertig gestellt worden.

Jetzt war ich wieder in Japan, aber bevor meine Gefühle mich vor Glück springen ließ, wartete da noch die Einwanderungsbehörde und ich war wieder auf dem Boden der Tatsachen. Das Formular hatte ich schon im Flugzeug ausgehändigt bekommen und konnte getrost alle Kästchen mit „no“ ankreuzen, da ich mich vorher eingehend damit gefasst hatte. So hatte ich auf Grippemittel oder Hustenstiller verzichtet, die sich auch nur im Entferntesten von Morphinderivaten ableiten ließen. Bei der Rubrik „Address in Japan - Accommodation) schrieb ich „hotels around shikoku“ und hoffte auf das Einsehen der Beamten. Ich hatte zwar von Deuschland aus versucht, das erste Hotel in Bando zu reservieren, aber es wurde einfach aufgelegt, nachdem ich einige japanische Sätze über mich und meine Japanisch Kenntnisse verloren hatte.

Ich stand endlich vorm Einwanderungsschalter und erblickte voller Grausen die neue Technik: Foto und Fingerabdrücke werden hier genommen. Nachdem 2006 die „Regelungen für die Schaffung eines Rahmenwerkes für vorbeugende Maßnahmen gegen terroristische Taten“ in Kraft trat, muss jeder Ausländer bei der Einreise ein Foto von sich machen und seine Fingerabdrücke scannen lassen. Ausländer sind demnach potentielle Terroristen! Wie war das vor ein paar Jahren mit der Aum (sprich A-um) Sekte in der Tokyoter U-Bahn - waren das Japaner oder Gaijins (Ausländer)? Aber Japaner haben ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis. Und es geht noch weiter: Es ist in Japan verboten, einem Ausländer ein Prepaid-Handy oder Sim-Karte zu verkaufen, stattdessen muss man teuer Handys oder Karten am Flughafen mieten. Erwähnt werden muss hier, dass die meisten europäischen Handys (GSM) in Japan (UMTS) nicht funktionieren, es sei denn man hat Glück, aber dann sind die Weiterleitungskosten (Roaming) sehr teuer. Ich hatte auf ein Handy verzichtet, da bei einem Aufenthalt von 2 Monaten allein die Mietkosten beschweige denn die Verbindungskosten sehr teuer geworden wären. Aber zurück zum Einreiseschalter: Ich sollte meine beiden Zeigefinger auf den Scanner legen. Mit meiner ratlosesten Miene, die ich besaß, zeigte ich der Beamtin am Schalter meinen rechten Zeigefinger, den ich mir von einigen Tagen ziemlich verbrannt hatte und der dementsprechend verschorft war. Sie gestikulierte mir, den Mittelfinger als Ersatz zu nehmen, und ich atmete auf. Wenn man erst mal die bürokratischen Hürden in Japan genommen hat, kann nichts mehr schief gehen… es sei denn, Hajo ist nicht da.

Aber um es kurz zu machen - Hajo war da und nahm mich direkt am Ausgang in Empfang. Wir begrüßten uns herzlich und zogen sogleich zur Touristeninformation, die sich im Untergeschoß befindet. An dieser Stelle noch mal ein großes Lob an das Kansai Tourist Information Center (Kansai International Air Port, Tajiri-cho, Sennan-gun, Osaka, 549-0011, Japan; Tel. 0724 (56)6025 oder Fax 0724 (56) 6027). Die Ladies sind einfach Klasse! Sie sprechen (verständliches) Englisch und haben alle erdenklichen Arten von Broschüren, Karten und Informationen in Ihren Schränken gebunkert. Sollte Sie mal was nicht gleich finden, recherchieren sie sofort im Internet und lassen so schnell nicht locker. Bei der einen Dame hatte Hajo, falls wir uns verpassen sollten, eine Nachricht für mich hinterlegt, die jetzt aber hinfällig geworden war. Wir berichteten der netten Lady von unseren Problemen, für heute eine Unterkunft zu finden. Hilfsbereit wie sie war, bot sie uns an, bei Kadoya-tsubakiso, einem Ryokan (traditionelle japanische Unterkunft) in Bando anzurufen und eine Reservierung für uns vorzunehmen. Leider durfte sie das nicht von der Touristeninfo machen, sondern begleitete uns zu den Münztelefonen. Wir kratzten unsere 10 Yen Münzen zusammen, da die Apparate in Japan kein Wechselgeld ausspucken. Das Gespräch lief länger als erwartet, weil noch geklärt wurde, dass wir Ausländer sind, kaum Japanisch sprechen und erst mal ohne Mahlzeiten buchen wollten.

Montag, 22. Juni 2009

Sondermeldung und Abschluss der Vorbereitungen

Sondermeldung - am Freitag ist mein zweites Päckchen, aber das erste, das ich als Seepost geschickt habe, angekommen. Ich hatte es am 21. April abgeschickt und es hat bis zum 19. Juni gedauert. Mein erstes Päckchen (30.03.09) hatte ich noch per Luftpost versandt, es hat aber auch nur knapp 1 kg gewogen und nicht stattliche 4,5 kg. Es ist schon nach einer Woche an seinem Bestimmungsort eingetroffen.

Sondermeldung, die zweite: Mein zweites Päckchen wurde Samstag geliefert. Ich hatte es, nachdem ich meine Tour auf Shikoku mit dem abermaligen Besuch es Tempels Nr. 1 Ryōzenji (霊山寺) beendet hatte direkt vor Ort in Bando abgeschickt (27.04.09). Es enthielt einige Geschenke und Pilgerutensilien, die ich im Tempel gekauft hatte und zwecks Gewicht mir nicht zu Beginn der Reise gegönnt habe.

Ich möchte mich entschuldigen, dass dieser Blog so lange Posts hat, aber er ist eigentlich als privates Pilgertagebuch konzipiert. Bei meinen letzten Japanaufenthalten habe ich Tagebuch geschrieben und es Familie und Freunden per E-Mail zugesandt. Ich finde es aber netter, zumal ich auf der Pilgerreise keine Zeit dazu gefunden habe zu schreiben, wenn man den Fortschritt im eigenen Tempo bestimmen kann. Außerdem hat das Hochladen der E-Mails, die mit vielen Bildern bestückt waren, ewig gedauert. Ich versuche mich in puncto Bildern zurückzuhalten, sie können unter http://picasaweb.google.com/britta.eisermann/Shikoku bzw. http://picasaweb.google.com/britta.eisermann/Kansai eingesehen werden. Aber auch dort bin ich mit den Bildunterschriften noch im Verzug. Aber ich habe jetzt einige Notizen und hoffe, dass es jetzt schnell voran geht.


Zurück also zu meinen Vorbereitungen, die allmählich ihren Abschluss fanden:
Ich lief regelmäßig meine Runden. Manchmal lief ich in die nächste Stadt (Bad Bramstedt), die ca. 4,5 km entfernt liegt. Leider gibt es hier keine Berge, nicht einmal Hügel, so dass ich mich nicht unbedingt für eine steilen Bergpfad gerüstet sah. Es wird in den Shikoku Ratgebern immer wieder empfohlen, an Steigungen zu trainieren oder wenigstens einige Stockwerke Treppen zu steigen. Leider ist hier absolutes Flachland und ein Hochhaus ist auch nicht in der Nähe. So musste ich mich mit dem kleinen Anstieg vor meinem Wald begnügen. Als Langstrecke lief ich die ca. 15 km in die nächste Stadt (Neumünster), die ein Outdoor Shop hat. Aber auch hier muss ich zugeben, bin ich ohne volles Marschgepäck gelaufen, da ich noch keinen geeigneten Rucksack hatte. Ich war meist mit so einem kleinen Daypack-Rucksack unterwegs, den ich mit 1,5 l Wasserflaschen auf ein Gewicht von bis zu 10 kg aufstockte. Natürlich hielt der Rucksack diese Last nicht lange aus und der Reißverschluss ging kaputt. Dann schnürte ich das defekte Teil mit einem Reisegurt zusammen. Ideal, wenn man zwischendurch Durst kriegt, trinkt man einen Schluck aus der Flasche und die Last wird nach innen verlagert. Eine Taktik, die in Japan vor allem an steilen Aufstiegen immer wieder beherzigt wurde: Orangen- und Mandarinenschalen an den Trails zeugen davon. Bevor man die Dinger mitschleppt, isst man sie vorher und hat so erstens Gewicht reduziert und zweitens Energie aufgestockt. Eine weitere Taktik lautet immer schön gleichmäßig laufen! Mit Laufen ist hier natürlich spazieren gehen gemeint, auch wenn ich auf meiner Runde bis zu 6 km in der Stunde geschafft habe. Das gleichmäßig schnelle Laufen viel mir am schwersten, da ich nicht unbedingt ein geübter Jogger bin.

Ich kaufte mir eine Doppeljacke, die ich natürlich gleich ausprobierte: hält das Ding mich auch bei niedrigen Temperaturen warm oder schwitze ich mich nass und hole mir eine Erkältung. Alles was sich zu meinem Marschgepäck gesellte, wurde vorher auf Herz und Nieren geprüft, ich wollte mir ja selbige nicht verkühlen. Socken wurden eingelaufen und auch Unterwäsche und T-Shirts bzw. Blusen mussten den Scheuernaht-Test überstehen. Was nützten einem die besten Schuhe, wenn man die Blasen an der Schulter bekommt, nur weil eine dicke Naht gerade unter dem Rucksackträger liegt.

Aber ich trainierte nicht nur den Körper, sonder auch der Geist verlangte nach „Input“. Ich recherchierte im Internet auf den unten erwähnten Seiten und auch meine Büchersammlung über die einzelnen Tempel bzw. das Kartenmaterial komplettierte sich langsam. Ich stellte Listen mit den 88 Tempel, 20 Nebentempeln (Bangai) und Übernachtungsmöglichkeiten zusammen, lud Prospekte z.B. über Jugendherbergen in Japan herunter und besorgte mir eine Übersetzung des Herz-Sutra. Das Sutra bezeichnet eine kurze, einprägsame Zusammenfassung einer Lehrrede Buddhas. Es heißt wirklich „das Sutra“, ich habe extra noch mal bei Wikipedia nachgeschlagen! Es ist wie ein Gebet, das jeweils im Tempel rezitiert wird. Und da ich mich auf eine Pilgerreise begeben wollte und nicht als Pauschaltourist durch die japanischen Lande gondeln mochte, habe ich mich vorher eingehend informiert. Es gibt z.B. das Diamant, Lotus oder Herz Stura, die in den unterschiedlichen buddhistischen Richtungen eine Rolle spielen, wobei letzteres vor allem im Shingon Buddhismus und dem bekannteren Zen Buddhismus rezitiert werden. Zusammengefasst sagt das Herz Sutra aus, dass Leere Form ist und Form ist Leere. Ich hatte das Glück, das Herz Sutra als dreifach Übersetzung zu finden, d.h. als Schriftzeichen (sinojapanisch, auch Kanji), die japanische Lesung (in Romaji = Lateinische Buchstaben), mit direkter Übersetzung und verständlicher Übersetzung ins Deutsche. Da war ich den Japanern schon mal eine Nasenlänge voraus, was ich mit meiner Nase ohnehin bin, aber die meisten japanischen Pilger können vielleicht die Lesung auswendig herbeten, verstehen aber deren Inhalt nicht.

Eine andere Art von Gebet ist das Mantra, es bezeichnet eine kurze, formelartige Wortfolge, die immer wieder heruntergebetet werden kann. Jede Gottheit hat ihr eigenes Mantra, sogar Kōbō Daishi, der Gründer der Shingon Sekte, auf den die Shikoku Pilgertour zurückgeht, hat sein eigenes Mantra: „Namu Daishi Henjō Kongō“, was so viel heißt wie „Ehre Dir, großer Lehrer, O Daishi, wobei die letzten beiden Worte der geheime Name Kōbō Daishis ist („Erleuchtende Realität“). Kōbō Daishi wie sein buddhistischer Totenname lautet (posthum vergeben) war auch unter seinem Mönchsnamen Kukai („Meer der Leere“) in Japan bekannt.

Wenn wir schon mal dabei sind, machen wir mit der buddhistischen Fachterminologie doch gleich weiter: Das Mudra ist eine symbolische Handgeste, man sieht sie fast bei allen Buddhastatuen. Mit diesen Gesten können Priester gänzlich ohne Worte richtige Geschichten erzählen.

Ein Mandala ist eine Art Bild, das die buddhistische Weltordnung erklärt. Es werden Gottheiten und deren Beziehungen zueinander abgebildet. Es ist die Darstellung eines sonst schwer zu verstehenden religiösen Sachverhalts. Im Unterschied zum tibetischen Buddhismus, wird das Mandala nach seiner Fertigstellung aber nicht zerstört, sondern als Meditations- und Ritualobjekt verwendet. In Shingon Buddhismus gibt es das Doppelmandala des Mutterschoßes und des Diamanten. Sorry, wenn ich jetzt mit den Fachbegriffen in Sanskrit (Sprache der alten indische Kultur bzw. Buddhismus) und Japanisch komme, aber ich möchte, dass man versteht, wobei es hier geht. Buddhismus ist nicht so eine weltfremde Religion bei der die Priester in Bettlaken rumlaufen und sich eine Horde weißgekleideter Rentner von Bussen über eine Insel karren lässt, damit sie Ihr Sammelalbum mit Kalligraphien und Stempeln voll kriegen. Wenn man mehr Infos hat, etwas mehr versteht, dann wirkt es gleich nicht mehr so exotisch und darum geht es hier.

Freitag, 19. Juni 2009

Es hilft alles nichts


Es hilft alles nichts - ich fang’ mal an, ein bisschen zu erzählen!
Meine Unterlagen sind immer noch nicht eingetroffen. Ich habe von zwei Berlinerinnen, die ich auf meiner Reise getroffen habe, erfahren, dass es mit der Seepost über zwei Monate dauern kann, bis die Päckchen ankommen. An dieser Stelle noch mal einen Gruß an die beiden, die ich am Tempel 46 (?, Joruriji) getroffen habe. Die Mutter ist mit ihrer Tochter, die Japanologie studiert, durch Shikoku gereist, um Material für die Abschlussarbeit zu sammeln. Hut ab! Meine Mutter hätte ich kaum in einen Flieger nach Japan bekommen, geschweige denn, dass sie mit mir gelaufen wäre. Naja, sie ist kein Zugvogel und erfreut sich an den Blumenfotos, die ich aus Japan mitbringe weitaus mehr, als würde ich sie durch die Lande schleppen.

Aber vor dem Vergnügen haben die Götter die Arbeit gesetzt - oder war es umgekehrt? Auf alle Fälle braucht so eine Wandertour eine gründliche Vorbereitung: Von dem Infomaterial hatte ich ja schon berichtet. Leider konnte ich vor der Tour nicht alles durcharbeiten, das mache ich jetzt und bin im Gedanken schon bei der nächsten Tour, die ich mit meinem neuerworbenen Wissen plane. Ja, Britta hat die Schnauze noch nicht voll und so eine schöne Herbsttour mit Laubfärbung wäre noch mal anzupeilen…

Aber zurück zu meinen Vorbereitungen für meine erste Shikoku Pilgertour: Im November hatte ich mir meine Treckingschuhe gekauft, anfangs noch als Stiefel für den Winter und noch gar nicht im Hinblick auf eine mögliche Pilgertour. Ich habe darauf geachtet, dass sie so eine Hightech Membran haben, damit man keine schwitzigen und kalten Füße bekommt. Da ich ständig, auch im Sommer, unter kalten Füßen und Händen leide, war ich erstaunt, was so eine Membran doch ausmacht. Endlich mal ein Winter mit warmen Füßen und die brauchte ich, da ich auf meiner Heimstrecke, die ca. 6 km durch Wiesen und Felder geht, dieses Jahr mehr Runden als üblich drehen musste, um für meine Langstrecke fit zu werden.

Mitte Januar haben HaJo, mein zukünftiger Reisekollege, den ich über die Homepage von „88 - Pilgern auf Japanisch“ kennen gelernt habe, und ich dann noch den Regisseur in Berlin besucht. Herzlichen Dank Gerald, dass Du Dir so viel Zeit genommen hast! Infos von einer direkten Quelle sind Gold wert - weil Kleinigkeiten, die nicht in Büchern stehen, oftmals große Auswirkungen auf das Gelingen einer Tour haben können. So z.B. Tipps über Bücher, Regenklamotten, Gamaschen, die Versorgung mit Geld und Warnungen vor Schlangen, Regen und schwierige Bergtempelrouten. Aber auch der Hinweis, dass sich der Besuch der Bangai-Tempel (Nebentempel) durchaus lohnt.

Danach brauchte ich noch einige Tage des Grübelns, doch als HaJo mir sagte, er wolle Mitte März starten, konnte ich mich endlich dazu durchringen und fasste den Entschuss, in meinem gefährlichen 37. Lebensjahr, nach japanischer Meinung, die Shikoku Pilgertour zu machen. Wenn HaJo als erfahrener Globetrotter und Treckingspezialist und ich mit meinen Kenntnissen der japanischen Geflogenheiten und den rudimentären Sprachkenntnissen uns zusammen tun, ist das schon die halbe Miete, dann noch ein bisschen Glück mit dem Wetter und einer erfolgreichen Tour steht nichts mehr im Weg!

Ich steigerte also mein Laufpensum: Teilweise bin ich morgens, nachmittags und abends eine Runde gelaufen. Viele Klamotten hatte ich schon, so packte ich 2 Treckinghose, 3 Blusen, 2 T-Shirts, 3 Paar Socken und Unterwäsche zusammen. Natürlich alles Funktionskleidung, die den Schweiß vom Körper weg transportiert und auch schneller trocknet als andere Kleidung. Ich kaufte mir eine 5-in-1 Doppeljacke, da man Mitte März noch mit frostigen Nächten bzw. im Mai schon mit hochsommerlichen Temperaturen rechnen muss. Ein japanisches Ladegerät für Kamera-Akkus besaß ich noch von meinen früheren Touren. Da ich der Meinung war, ich könnte mein Pilgertagebuch am besten auf einem Computer schreiben, weil meine Handschrift nicht die beste ist, kaufte ich mir ein kleines „Netbook“. Aber im Nachhinein hätte es ein einfacher „Fototank“ (externe Festplatte mit Kartenschlitz) auch getan. Die Idee handschriftliche Notizen als digitale Sicherungskopie zu erstellen verwarf ich schnell, da ich kaum Zeit hatte, meine Notizen auszuformulieren, geschweige denn in den Computer zu tippen. Einen Steckdosen-Adapter darf man nicht vergessen, weil in Japan das Stromnetz anders läuft. Eine Kurbeltaschenlampe, die später noch amerikanische bzw. kanadische Reisekollegen in wahres Erstaunen versetzen sollte, hatte ich noch von einer früheren Japanreise. Mit ihr hätte ich, wenn ich mir denn ein Handy gemietet hätte, mithilfe eines Kabels auch Nokia-Handys mit Strom notversorgen können. Ich packte noch Mütze und Handschuhe für kalte Tage bzw. für die Bergtempel ein. Einen leichten Schlafsack, der 700 g wiegt, hatte ich über das Internet bestellt, aber eine selbstaufblasende Isomatte und einen Rucksack hatte ich mir erst zwei Tage vor Abflug gekauft, da ich kurz vorher entdeckt hatte, dass mein nagelneuer Rucksack einen kleinen Riss am Boden aufwies. Der Verkäufer wollte mir zwar weiß machen, das der 400 Euro Rucksack geeigneter wäre für eine 1400 km Tour als der 70 Euro Rucksack, den ich mir dann ausgesucht hatte, aber ich folgte meinem Instinkt.

Was ein Problem darstellte, war die Ersatzschnürsenkel, die ich erst im fünften Laden ausfindig machen konnte. Eine kleine wasserfeste Umhängetasche und ein Mikrofaser-Trecking-Handtuch mussten ebenfalls noch mit. Meine Kulturtasche wurde mit dem Nötigsten bestückt, ich verzichtete auf große Flaschen, einen Föhn, Deo und Kosmetik. Zu meinen Medikamenten wie ein Mittel gegen Erkältung, Schmerztabletten und ein Antibiotikum gesellten sich noch ein großer Packen Blasenpflaster und eine Elastikbinde. Auf Cremes gegen Insekten, Kühlgels oder Wundsalben verzichtete ich, die wird’s wohl auch in Japan geben, ebenso wie Magnesium. Ich war fast komplett - nur gegen den Regen, man hatte mir gesagt von 7 Tagen würde es 3 Tage regnen, hatte ich noch nichts, bis ich auf diesen riesigen Regenponcho stieß - Größe XXL. Der ging mir bis zu den Knöcheln, fast wie ein Zelt. Aber der Verkäufer erklärte mir, dass eine Größe L ausreichen würde, auch wenn ich ein 75 l Rucksack mitführen würde. An Gamaschen konnte ich nichts Richtiges finden und ich hoffte, dass der Regenponcho ausreichen würde.
Ein Geldgürtel komplettierte meine Ausrüstung. Jetzt brauchte ich nur noch eine Reiserücktrittsversicherung, den Flug hatte ich zwischenzeitlich online gebucht, und eine Auslandskrankenversicherung. Am Computer erstellte ich mir zweisprachige Visitenkarten, die ich laminierte, und einen Bogen mit Adressaufklebern.
Das Kartenmaterial hatte ich mir ebenfalls schon frühzeitig bestellt, damit ich mich ein wenig „einlesen“ konnte. Anhand eines im Netz aufgelisteten Reiseplans (http://www.shikokuhenrotrail.com/) von Dave Turkington, der für die Tour 53 Tage gebraucht hatte, versuchte ich seine Route nachzuvollziehen. Ich rechnete mir aus, vielleicht 60 Tage für die Tour zu brauchen, da ich nicht mit leichtem 6 kg im 35 bis 40 l Rucksack, sondern mit stattlichen 12 kg im 75 l Rucksack laufen wollte. Da ich wusste, dass Erkältungen in Japan aufgrund der Klimaanlagen und Temperaturwechsel schneller auftreten und heftiger ausfallen als hier in Deutschland, gewährte ich mir einen Aufschlag von 7 Tagen. Ich würde also knapp 9 Wochen unterwegs sein und pünktlich zum Geburtstag meiner Eltern am 21. und 22. Mai zuhause sein.
Die Idee ein Zelt mitzuführen, um noch flexibler zu sein bzw. Reisekosten zu sparen, verwarf ich, da die leichten Zelte zu teuer bzw. die preiswerten Zelte zu schwer waren. Ein Pop-up Zelt, welches ich mal in einer Sendung über den Jakobsweg gesehen hatte, entpuppte sich als riesiges Gebaumel. Mit dem Teil auf dem Rücken hätte ich wie eine Schildkröte ausgesehen. Eine Schildkröte auf der Shikoku-Tour - nein, ich hätte schon genug Aufmerksamkeit dadurch, dass ich Ausländer bin, noch dazu eine blonde Frau. Wenn ich also keine Unterkunft finden sollte, diese ausgebucht wären oder der japanische Wirt schlicht und ergreifend keine Gaijins (Ausländer) hätte aufnehmen wollen, hätte ich mich immer noch in eine, in den Karten verzeichnete, Hütte verkriechen können. Die Geschichte mit den Gaijins ist keine Bequemlichkeit, sondern soll vor weiteren Problemen schützen, da Ausländer, die kein Japanisch sprechen und mit den japanischen Geflogenheiten nicht vertraut sind, doch ein Problem für sich selbst darstellen. Es ist nämlich auch für einen Gaijin beschämend, wenn ihm die Sachen gezeigt werden, gerade so als wäre er ein kleines Kind. Ich habe es selbst erlebt, es erzeugt Frust bzw. ein „jetzt-hält-er-mich-für-doof“ Gefühl. Was sonst mit ein paar Worten zu erklären wäre, wird immer und immer wieder vorgeführt, bis der Groschen fällt. Man merkt nicht unbedingt am Anfang, dass der Gegenüber einen auf einen Fehler aufmerksam machen will und wundert sich über das kindische Spiel.

Sonntag, 7. Juni 2009

Konnichi wa - ich bin wieder da. Gesund und munter zurück in "Good Old Germany". Die Tour vom 15. März bis 20. Mai war ein Erlebnis. Meine anfängliche Verkrampftheit („Soll ich - soll ich nicht“) ist von mir gewichen und ich bin glücklich, diese Tour durchgezogen zu haben.
Ich hatte relativ wenig Probleme. Anfangs bin ich noch mit meinem Reisekameraden Hajo gelaufen, der musste sich aber wegen einer Überlastung der Fußgelenke bzw. im Schienbein schonen. So haben wir einige Stationen mit Bus und Bahn machen müssen, damit er sich erholen konnte. Am Ende haben wir uns dann doch getrennt, da ich das Laufen und die Erfahrung mit den anderen laufenden Pilgern doch vermisst habe. Am Ende der Pilgertour war ich 4 Tage im Bezug auf Hajo im Rückstand. Wir haben uns aber doch wieder getroffen - auf dem Koya-san, dem Berg, auf dem das Hauptquartier der Shingon Sekte und das Mausoleum von Kōbō Daishi steht. Da ich relativ komplikationslos, d.h. ohne Erkältung und Ruhetage, durchgekommen bin, habe ich die Shikoku Tour 3 Wochen vor meinem Rückflug beendet. Da ich leider nicht umbuchen konnte, hatte ich noch Zeit, mir den restlichen Teil von Japan anzugucken. Durch Zufall bin ich in der Touristeninformation im Flughafen Kansai auf eine andere Pilgerroute, die shintoistische Kumano Kodo Pilgertour gestoßen. Ziel dieser Wallfahrt sind die 3 Großschreine (Kumano Sanzan) wobei die Ausgangspunkte sowohl der Koyasan, Wakayama oder Ise sein können. Ich begab mich also wieder auf Pilgertour und wählte letzteren (Ise-Schrein) als Ausgangspunkt, da ich mir den Schrein ohnehin ansehen wollte. Hierbei hatte ich auch Gelegenheit meine Shikoku Bahn- bzw. Bus-Kilometer abzulaufen, die mir, ich gebe es offen zu, doch auf der Seele brannten. Ich hatte zwar, im Vergleich zur normalen Shikoku-Route durch den Besuch der Bangai-Tempel schon 200 km gut gemacht, aber die restlichen habe ich dann doch noch in diesen 3 Wochen „abgewandernt“. Diese fiel mir auch nicht schwer, da auch das Gebiet der Kii-Berge eine atemberaubende Natur für den Wanderer bereit hält. Das Ende vom Lied: Ich bin von shintoistischen Pilgerweg Kumano Kodo wieder in einen buddhistischen Pilgerweg, den der 33 Kannon Tempel (Saikoku) im Gebiet Kansai (so heißt der Großraum um Osaka) gerutscht. Da der letzte Kumano Schrein in direkter Nachbarschaft zum ersten Tempel der Saikoku Tour liegt. „Tempeln“ und „schreinen“, das klingt irgendwie langweilig - aber nein! Jedes Örtchen hier in Japan hat Tempel oder Schreine oder irgendeine andere Spezialität, die des Reisenden wert ist, erkundet zu werden. Wie soll man aus diesem Überangebot auswählen? Da ist so ein kleines Büchlein mit einer List von 33 Tempeln doch eine gute Auswahlmöglichkeit. Ich habe auch von diesen 33 Tempeln in der Zeit noch 23 besuchen können, nicht mehr nur zu Fuß, nein - ich wollte einen Gang runterschalten und meinem Körper Zeit zum Regenerieren gönnen. So bin ich mit der Bahn zum nächstmöglichen Bahnhof gefahren und habe von dort aus den Tempel erwandert bzw. bei schlechtem Wetter, habe ich auch den Bus genommen.

Natürlich würde ich hier lieber über meine Shikoku Tour berichten, wie es im Detail lief, was für Erfahrungen ich gesammelt, welche Leute ich getroffen habe, aber leider habe ich mein „Übergewicht“ an Notizen und Papieren mit der Post nach Deutschland geschickt. Um mein Reisebudget nicht unnötig zu belasten - mit der Seepost, doch die dauert und dauert und dauert…
Wenn ich also mein „schriftliches Gedächtnis“ wiedererlangen sollte, werde ich mich alsbald an den Computer setzen und Euch mit meinen Pilgererzählungen erfreuen können, doch bis dahin kann ich nur die Bilder (http://picasaweb.google.de/britta.eisermann/Shikoku#) vorweisen, die ich während meiner Tour geschossen habe.