Karte von Shikoku mit den 88 Haupt- und 20 Nebentempeln


Sonntag, 28. Juni 2009

Sonntag, 15. März 2009: Reisefieber - jetzt geht’s los!

Der große Tag war gekommen - endlich sollte es wieder nach Japan gehen. Nachdem ich nach meiner Doktorarbeit schon mal einige Monate in Japan (2005) gearbeitet und einen dreiwöchigen Japanurlaub mit Bewerbungsgespräch auf Okinawa (2006) absolviert hatte, sollte dies mein dritter Japanaufenthalt werden.

Ursprünglich wollte ich mit meinem Reisekollegen Hajo am gleichen Tag am Flughafen Kansai in Osaka ankommen und dann gleich weiter nach Shikoku reisen. Leider hatte Hajo zu spät gebucht, vielleicht lag es auch an seinen Bonusflugmeilen, die er einlösen wollte, jedenfalls bekam er keinen Flug für den gleichen Tag, sondern musste schon einen Tag früher starten. Das fängt ja gut an! Da ich den Flughafen Kansai schon von meiner letzten Reise kannte, empfahl ich ihm ein nettes Business-Hotel am Namba Bahnhof in Osaka, da die Hotels direkt am Flughafen doch recht teuer sind. Aber Hajo hatte sich die "Internationale Jugendherberge" in Hagoromo ausgeguckt, die ist näher dran und auch billiger, wenn man im Schlafsaal übernachtet. Zur Not wollte er sich mit seinem Biwak-Sack, eine Art wetterfester Überzug für den Schlafsack, ein Plätzchen im Park suchen, in dem die Jugendherberge steht. Auch ich hatte mir noch auf den letzten Drücker einen Jugendherbergsausweis und eine Karte der „yuusu hoteru“, wie sie auf Japanisch heißen, besorgt.

Ich hatte bei Finnair gebucht und der Flieger sollte von Hamburg um 12.50 Uhr starten. Ich hatte eigentlich gut geschlafen, aber schon beim Frühstück machte sich die Anspannung bei mir bemerkbar. Wohlweislich wollte ich zum Frühstück Eier essen, die halten etwas vor und sind nicht so schnell durch wie Marmeladenbrote. Aber ich kaute und kaute, aber das Brot wollte nicht rutschen. Und ich merkte wie nervös ich war. Es dauerte einige Zeit, bis ich die Scheibe Brot heruntergewürgt hatte. Auf meinen Morgenkaffee verzichtete ich, weil ich nicht wusste, wann ich das nächste Mal ein Stilles Örtchen finden würde. Da Kaffee einen sehr entwässernden Effekt auf mich hat, verzichtete ich in Japan größtenteils auf mein Lebenselixier, ohne das ich morgens kaum aus dem Bett komme. Und immer wieder der Gedanke: “Noch kannst Du einen Rückzieher machen - was wird das bloß alles kosten?“

Von meiner Idee ein Zelt mitzunehmen war ich bereits abgewichen, da die meisten einfach zu schwer bzw. die extrem leichten auch extrem teuer sind. „Hast du genug trainiert? Du hättest wirklich mehr lange Strecken laufen sollen und vor allen Dingen die Trainingseinheiten mit vollem Marschgepäck, nicht nur mit deinen Wasserflaschen! Der Hajo ist Marathon- und Langstreckenläufer, der wird auf eine Schnecke wie dich nicht lange warten. Du hättest doch mehr Gepäck zuhause lassen sollen. Der Hajo hat bestimmt nur die empfohlene Menge von 6 kg eingepackt und als erfahrener Globetrotter wird er dich über Stock und Stein führen und dann? Ok, ok, ich helfe ihm, den Trail bei Tempel Nr. 1 zu finden und dann kann er davonspurten. Aber wenn ich bedenke was das alles kostet, der Yen steht doch so schlecht! Aber was soll man machen - noch länger warten? Sollte ich erst mal wieder eine Arbeit finden ist sowieso Essig mit Shikoku. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ich versuchte meine Nervosität niederzukämpfen. Mittlerweile waren wir, d.h. ich und meine Eltern, auf dem Flughafen eingetroffen. Wo ist denn bloß der Check-in-Schalter von Finair? Laut Anzeige soll es Nr. 6 sein, die Auskunft sagt aber Nr. 4. „Verdammt, wir sind viel zu früh dran, die öffnen erst in einer halben Stunde.“
Am Check-in-Schalter musste ich diesmal nicht fürchten, dass mein Gepäck zu viel wiegt, mit den 12 kg hatte ich noch viel Luft nach oben. Ich schleppte meinen Rucksack zum Sperrgepäckschalter und verabschiedete mich von meinen Eltern. Und schon hatte ich das nächste Problem: Aufgrund von Umbauarbeiten war die übliche Personenkontrolle verlegt worden, ich sah nur ein Schild mit der Aufschrift:“ Zur Sicherheitskontrolle bitte zum Flughafen Plaza“. Wo ist denn jetzt das Flughafen Plaza? Das fängt ja gut an, wenn ich schon im Flughafen nicht meinen Weg finde, wie soll das erst im Bergwald von Shikoku laufen?

Ich saß alsbald am Gate und wartete auf meinen Flug nach Helsinki. Die Nervosität hatte sich etwas gelegt und ich kaufte mir ein Croissant. Draußen regnete es. In Hamburg war mal wieder schlecht Wetter und ich hoffte auf weniger Regen auf Shikoku. Als der Flieger dann in Helsinki landete, lag da sogar noch Schnee. Ob ich auf Shikoku auch noch Schnee in den Hochlagen finden würde? Auf meiner Übersichtskarte der Insel waren sogar kleine Skifahrer eingetragen. Die Bilder vom Schnee auf Hokaido, der nördlichsten Insel, und in den Japanischen Alpen um Nagano kannte ich, aber auf einer Insel, die für Ihre Orangenplantagen berühmt ist?

Der Flieger nach Japan sollte um 17.50 Uhr starten, doch das Bording begann verspätet. Es musste noch eine Toilette repariert werden! Jetzt saß ich also in dem Flieger, der mich meinem größten Abenteuer näher bringen sollte. Wohlweislich hatte ich ein Sitzplatz am Gang gewählt, da muss man nicht immer die Leute bitten aufzustehen, wenn man ein dringendes Bedürfnis hat. Die Ankunft auf Kansai Airport war für 9.45 Uhr vorgesehen, ich hatte also rund 13 Stunden Flug mit nachfolgender Busreise und Ortsbesichtigung in Bando um den Tempel Nr. 1 vor mir. An Bord wurden wir mit einem Mix aus europäischem und japanischem Essen „verwöhnt“ und auch das Bordprogramm ließ zu wünschen übrig: Kein Wunschfilmmenü, wie ich es von KLM kannte, keine Zahnbürsten und Socken wie es sie bei Cathey Pacific gab. Dafür ist Finnair einer der günstigsten Anbieter auf dieser Route.

Leider hatte ich einen Sitznachbarn, der die Zähne nicht auseinandergekriegt hat und lieber die ganze Zeit schlafen wollte. Um die Zeitverschiebung zu von 8 Stunden zu mildern, wird an Bord eine künstliche Nacht eingeschoben: Die Fensterblenden werden geschlossen und das Licht wird gedimmt. Das half mir aber auch nichts. Ich kann normalerweise schon nicht im Sitzen schlafen, „langmachen“ konnte ich mich wegen meines Nachbarn auch nicht. Dafür schnarchte die Japanerin im Gang gegenüber. Sie konnte sich über drei Sitzplätze ausbreiten und liegender Weise der Heimat entgegenträumen. Leichte Turbulenzen und kleine, kreischende Kinder taten ein Übriges, damit ich kein Auge zumachen konnte.

Endlich kam Kansai in Sicht! Der Flughafen, der in der Bucht vor Osaka liegt, wurde im September 1994 eröffnet und liegt auf einer künstlichen Insel, die 4 km lang und 1200 m breit ist. Er ist eine technische Meisterleistung, obwohl er anfangs schneller abgesackt ist als erwartet, hat er sich auf gegenwärtig 4,8 cm pro Jahr eingependelt. Dieser Bewegung wird durch ein ausgeklügeltes Anpassungssystem ausgeglichen. Sogar das große Kobe Erdbeben von 1995, Kobe liegt ganz in der Nähe, hat der Flughafen unbeschadet überstanden. Eine weitere Superlative ist das Flughafengebäude: Der Terminal wurde von dem Architekten Renzo Piano entworfen und ist der längste zusammengehörenden Gebäudekomplex der Welt. Wer hier ankommt, wird mit einer Monorail-Bahn zur Abfertigung gefahren. Der Flughafen besitzt eine eigene Bahnstation, Hotel- und Einkaufskomplexe und ist mit einer zweistöckigen Brücke für Bahn- und Autoverkehr ans Festland angebunden. Bei meinem letzten Besuch war die geplante, zweite Landbahn noch in Bau, sie ist jedoch schon im August 2007 fertig gestellt worden.

Jetzt war ich wieder in Japan, aber bevor meine Gefühle mich vor Glück springen ließ, wartete da noch die Einwanderungsbehörde und ich war wieder auf dem Boden der Tatsachen. Das Formular hatte ich schon im Flugzeug ausgehändigt bekommen und konnte getrost alle Kästchen mit „no“ ankreuzen, da ich mich vorher eingehend damit gefasst hatte. So hatte ich auf Grippemittel oder Hustenstiller verzichtet, die sich auch nur im Entferntesten von Morphinderivaten ableiten ließen. Bei der Rubrik „Address in Japan - Accommodation) schrieb ich „hotels around shikoku“ und hoffte auf das Einsehen der Beamten. Ich hatte zwar von Deuschland aus versucht, das erste Hotel in Bando zu reservieren, aber es wurde einfach aufgelegt, nachdem ich einige japanische Sätze über mich und meine Japanisch Kenntnisse verloren hatte.

Ich stand endlich vorm Einwanderungsschalter und erblickte voller Grausen die neue Technik: Foto und Fingerabdrücke werden hier genommen. Nachdem 2006 die „Regelungen für die Schaffung eines Rahmenwerkes für vorbeugende Maßnahmen gegen terroristische Taten“ in Kraft trat, muss jeder Ausländer bei der Einreise ein Foto von sich machen und seine Fingerabdrücke scannen lassen. Ausländer sind demnach potentielle Terroristen! Wie war das vor ein paar Jahren mit der Aum (sprich A-um) Sekte in der Tokyoter U-Bahn - waren das Japaner oder Gaijins (Ausländer)? Aber Japaner haben ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis. Und es geht noch weiter: Es ist in Japan verboten, einem Ausländer ein Prepaid-Handy oder Sim-Karte zu verkaufen, stattdessen muss man teuer Handys oder Karten am Flughafen mieten. Erwähnt werden muss hier, dass die meisten europäischen Handys (GSM) in Japan (UMTS) nicht funktionieren, es sei denn man hat Glück, aber dann sind die Weiterleitungskosten (Roaming) sehr teuer. Ich hatte auf ein Handy verzichtet, da bei einem Aufenthalt von 2 Monaten allein die Mietkosten beschweige denn die Verbindungskosten sehr teuer geworden wären. Aber zurück zum Einreiseschalter: Ich sollte meine beiden Zeigefinger auf den Scanner legen. Mit meiner ratlosesten Miene, die ich besaß, zeigte ich der Beamtin am Schalter meinen rechten Zeigefinger, den ich mir von einigen Tagen ziemlich verbrannt hatte und der dementsprechend verschorft war. Sie gestikulierte mir, den Mittelfinger als Ersatz zu nehmen, und ich atmete auf. Wenn man erst mal die bürokratischen Hürden in Japan genommen hat, kann nichts mehr schief gehen… es sei denn, Hajo ist nicht da.

Aber um es kurz zu machen - Hajo war da und nahm mich direkt am Ausgang in Empfang. Wir begrüßten uns herzlich und zogen sogleich zur Touristeninformation, die sich im Untergeschoß befindet. An dieser Stelle noch mal ein großes Lob an das Kansai Tourist Information Center (Kansai International Air Port, Tajiri-cho, Sennan-gun, Osaka, 549-0011, Japan; Tel. 0724 (56)6025 oder Fax 0724 (56) 6027). Die Ladies sind einfach Klasse! Sie sprechen (verständliches) Englisch und haben alle erdenklichen Arten von Broschüren, Karten und Informationen in Ihren Schränken gebunkert. Sollte Sie mal was nicht gleich finden, recherchieren sie sofort im Internet und lassen so schnell nicht locker. Bei der einen Dame hatte Hajo, falls wir uns verpassen sollten, eine Nachricht für mich hinterlegt, die jetzt aber hinfällig geworden war. Wir berichteten der netten Lady von unseren Problemen, für heute eine Unterkunft zu finden. Hilfsbereit wie sie war, bot sie uns an, bei Kadoya-tsubakiso, einem Ryokan (traditionelle japanische Unterkunft) in Bando anzurufen und eine Reservierung für uns vorzunehmen. Leider durfte sie das nicht von der Touristeninfo machen, sondern begleitete uns zu den Münztelefonen. Wir kratzten unsere 10 Yen Münzen zusammen, da die Apparate in Japan kein Wechselgeld ausspucken. Das Gespräch lief länger als erwartet, weil noch geklärt wurde, dass wir Ausländer sind, kaum Japanisch sprechen und erst mal ohne Mahlzeiten buchen wollten.