Karte von Shikoku mit den 88 Haupt- und 20 Nebentempeln


Sonntag, 13. Juni 2010

Sonntag, 19.04.2009, Kagawa, Kan-Onji City, Kotohiki Park, Pavillon

Der 35. Tag in Japan
Als ich heute mit dem Sonnenaufgang erwache, habe ich kaum geschlafen. Pfauen haben in der Nacht geschrien, ich hörte Musik, die Spülung des angrenzenden Toilettenhäuschens, Mücken summten um mich rum und nicht zu vergessen die „Wasserharfe“ haben mich die halbe Nacht wach gehalten. Zum Frühstück gibt es die Reste der Mochi (Reisküchlein) und Pilgerkekse vom Abendbrot. Meine Sehnenscheidenentzündung in den Handgelenken meldet sich zurück und auch die Knie schmerzen. Ich schieße schnell noch ein paar Bilder von der Münze am Strand und wandere dann über den Kotohiki Hachimangu Schrein in Richtung Tempel Nr. 70. Schnell bin ich „warmgelaufen“ und kann meine Fleecejacke ausziehen. Ich laufe im „Zwiebel Look“, d.h. mehrerer Kleidungsschichten übereinander, um immer passend zur Temperatur angezogen zu sein. Leider muss ich, wenn ich ein Kleidungsstück ausziehen will, erstmal Hut, kleine Tasche und großen Rucksack abnehmen, das dauert dann bis man sich umgeplünnt hat.

Die Sonne brennt vom Himmel, es sind bestimmt 25°C. Ich mache kurz Stopp an einem Family Mart (24-h-Shop), in dem ich mir zum Frühstück noch ein „Nikuman“, ein mit Hackfleisch gefüllte Teigtasche, und eine Erdbeermilch gönne. Auf dem Weg zu Tempel Nr. 70 gibt es keinen Schatten, ich laufe am Saitagawa Fluss entlang, fotografiere noch eine Kolonie Schildkröten und einen Fischreiher, die sich im Grünzeug verstecken. Endlich habe ich nach ca. 4,5 Kilometer mein erstes Ziel für heute erreicht. Am Eingangstor kommt mir eine Katze mit grünen Halsbang entgegen gesprungen. Natürlich kraule ich den grauen Tiger erst mal eine Runde, bevor ich den Tempel betrete – so viel Zeit muss sein!

Exkurs Tempel Nr. 70 Motoyamaji (本山寺)
„Der Hauptsitz Tempel“ wurde 807 von Kōbō Daishi auf Geheiß des Kaisers Heizei (806-809; 51. Tennō) zum Schutz der Nation gegründet. Der Tempel ist zu seinen besten Zeiten, mit 24 Subtempeln, der größte der Insel Shikoku gewesen und auch Chōsokabe Motochika wollte ihn einst zum Hauptquartier machen, um über die Provinz Sanuki zu herrschen. Der Legende nach soll Kōbō Daishi die Haupthalle (hondō) in einer einzigen Nacht vollendet haben. Andere meinen, er habe den ganzen Tempel in einer Nacht erbaut. Auf alle Fälle wurde der Tempel der pferdeköpfigen Bato Kannon geweiht, die als Assistenten vom Daishi die Statuen von Amida Nyorai und Yakushi Nyorai zur Seite bekam. Die Statue des Amida Nyorai (auch Amitaabha Tathaagata) ist berühmt und wird auch „Fachi-uke-no Mida“ (verwundete Amida Buddha) genannt. Der Name geht auf eine Legende zurück, weshalb der Tempel durch die Chōsokabe Truppen nie niedergebrannt wurde. Der damalige Oberpriester wurde bei dem Versuch getötet, das Eindringen der Soldaten in den Tempel zu verhindern. Als die Soldaten darauf den Hondō (Haupthalle) stürmten, fiel ihnen eine am Arm blutende Amida Statue auf. Die Verletzung erinnerte stark an die des ermordeten Priesters, mal ganz davon abgesehen, dass Holzstatuen im Allgemeinen nicht bluten. So wurden die Chōsōkabe Truppen vertrieben, obwohl manche behaupten, es sein ein angriffslustiger Bienenschwarm gewesen, der die Angreifer in die Flucht geschlagen hat. Wie es auch sei – sehenswert sind die fünfstöckige Pagode, dessen 1. Stufe noch original von Kōbō Daishi stammen soll, das Wächtertor (niōmon), welches aus dem Jahre 1147 stammt, und die Haupthalle von 1300. Sie zählen heute zum „Wichtigen Kulturgut“. 1910 wurde die Pagode vom Oberpriester Yoritomi Miki renoviert, 1955 der Hondō (Haupthalle). Letzterer zählt als einziger in der Präfektur Kagawa zum „Nationalen Schatz“.

Als ich durch das Tempeltor komme, fällt mir sofort eine japanische Frau mit sehr kurzen Haaren auf, die hier den Platz fegt. Als sie mich sieht, kommt sie auf mich zu und übergibt mir ein Osettai (Pilgergeschenk) bestehend aus einem Päckchen Kekse und Lakritzbonbon. Bei letzterem bin ich mir nicht sicher, aber sie hatten einen sehr kräftigen Geschmack, obwohl Lakritz genau wie Marzipan in Asien weniger bekannt sind. Sie sieht nicht unbedingt wie eine Pilgerin aus, obwohl sie einen Rucksack trägt, aber vielleicht ist sie ein Gemeindemitglied, das auf Pilger lauert und nebenbei ein bisschen fegt. Hier bewundere ich die schöne fünfstöckige Pagode. Unter Bäumen auf einem Felsen, der mit Azaleen gepflanzt ist, steht eine verwitterte Statue. Ich glaube nicht, dass es sich um Kōbō Daishi handelt, vielleicht der Mönch, der bei dem Versuch gestorben ist, den Tempel vor Chōsōkabe Truppen zu schützen. Die Dachreiter sind nett, springende Löwenfiguren und sogar ein Pferd kann ich erkennen. Seitlich der Hallen stehen auch noch zwei Pferdestatuen, aber nicht solche, wie man sie in Schreinen findet, wo sie zu Ehren von edlen Kriegsrössern ausgestellt worden sind. Die beiden hier wirken eher natürlich, als würde sie gerade auf der Weide grasen.
Das Pilgerbüro wäre für mich schwierig zu finden, wenn ich das Schild „納経所“ mit den Schriftzeichen (Kanji) nicht hätte lesen können. Es befindet sich in einem separaten Gebäude, auf dessen Vorplatz einige Palmen wachsen. Im Allgemeinen sind auf dem Tempelgelände Schilder in Form eines kleinen, blauhaarigen Jungen angebracht, die den Weg zum Hondō (本堂; Haupthalle), Daishidō( 大師堂; Daishi-Halle) und zum Nokyoshō (納経所; Pilgerbüro) zeigen. Meist ist auf den Tempelhallen selber vermerkt, ob es der Hondō oder Daishidō ist. Aber zwischen den vielen anderen Schriftzüge, die hier auf Holzbalken und Schildern angebracht sind, gerade den gesuchten zu finden, ist eine Aufgabe für sich. Ich mache mich wieder auf den Weg, da der nächste Tempel ca. 11 km entfernt liegt. Ich muss nur stur die Straße Nr. 11 entlang laufen und den Abzweiger zur Straße Nr. 221 nicht verpassen. Aber die Tour heute ist recht anstrengend, den die Sonne brennt und bei solch einer Asphaltstrecke laufen sich mir dann auch schnell die Füße heiß.

Ich sehe wieder einen Fahrradpilger, aber ich habe Ärger mit meinem Rucksack, der durch meine dahin geschmolzenen Hüftpolster schlecht sitzt. Ich bewundere die hübschen Karpfenfahnen (koinobori) und an einem japanischen Spielzeuggeschäft raste ich kurz vor dem Schaufenster. Das ist ein besonders Geschäft, da hier kein Plastikspielzeug „Made in China“ verkauft wird, sondern die hochwertigen, meist handgearbeiteten, traditionell japanischen Spielzeuge, die hier in Vitrinen ausgestellt sind. Unter ihnen befinden sich kleine Samurairüstungen, Miniaturwaffen oder Puppen. Vielleicht sind das die Gegenstücke zu den Puppentreppen für Mädchen. Während am Mädchentag also teure Puppen ausgestellt werden, erhalten die Jungen miniaturisiertes Samurai Zubehör. Das ist dann ebenfalls eine der jahreszeitenspezifischen Dekorationen, die ein traditionell japanisches Haus zu Festtagen schmücken.

Als ich aus einem Circul-K Kombini (24-h-Shop) komme, treffe ich auf drei junge Engländer. Durch ihr legeres Aussehen, ist mir gleich aufgefallen, dass es wohl keine Pilger oder Touristen sind. Bei einem kleinen Pläuschchen stellt sich dann auch heraus, dass sie hier als Sprachlehrer angeheuert haben. Was sollten englische Muttersprachler in Japan auch sonst tun? Sie hatten sich schon richtig auf ein bisschen Smalltalk mit mir gefreut, beichtet der eine mir, da sie mich schon vorhin, als ich noch an der Straße entlang lief, gesehen haben. Eigentlich hatten die wohl auf eine Landsfrau gehofft, aber dennoch haben wir ein nettes Gespräch. Vorbeikommende Japanern fallen die Augen fast aus dem Kopf, als sie mich und die drei beisammenstehen sehen. So ein Auflauf an Ausländer kommt hier in der japanischen „Pampa“ selten vor. Aber ich muss mich losreißen, da ich heute noch mindestens drei Tempel, Nr. 71, 72 und 73, schaffen will. Ich laufe durch Mitoyo City, obwohl es hier eher ländlich wirkt. Vor mir kann ich Pilger laufen sehen, ich folge ihnen, dann brauche nicht so aufpassen, den richtigen Weg zu finden. Bei der Hitze ist man geistig ohnehin nicht gut zu Fuß. Ich nutze jeden Schatten, aber anstelle gemütlich vor mich hinzulaufen, merke ich wie ich schneller werde. Will ich die anderen einholen, ich mich nicht einholen lassen oder will ich endlich nur in den Schatten – ich weiß es nicht. Auf alle Fälle fliege ich geradezu den Berg zum Tempel hoch, achte dabei leider nicht so sehr auf den Weg, komme an einem Michi-no-eki genannten Raststätte vorbei, die hier „Fureai Park Mino“ heißt, und muss dann vor so einem kläffenden Hund eine „Vollbremsung“ machen. Anscheinend bin ich über einen Nebenweg gekommen, so dass ich jetzt an einer seitlich gelegenen Ladenzeile stehe. Ich beobachte das Tier an seiner Leine und gehe dann ganz langsam außerhalb seiner Reichweite zum Eingang des Tempels. Aber geschafft habe ich das Ganze noch nicht, denn eine sehr lange, sehr steile Treppe führt nach oben. Als ich endlich oben ankomme, ich blöde Kuh hätte doch meinen schweren Rucksack auch unten stehenlassen können, muss ich mich erst mal ausruhen. Aber anscheinend sehe ich noch nicht so fertig aus, da ein Fotograf mich fragt, ob er einige Bilder von mir am Wasserbecken machen darf. Gern posiere ich und als er fertig ist, suche ich erst mal die Toilette auf, die hier nur über eine Stahltreppe zu erreichen ist. Wenn man nicht schwindelfrei ist, muss man es sich den Besuch des „Stillen Ortchens“ glatt verkneifen, denke ich so bei mir.

Exkurs Tempel Nr. 71 Iyadaniji (弥谷寺)
„Der Tempel der 8 Täler“ wurde von Gōgi (668-749) auf Geheiß des Kaiser Shōmu (724-749; 45. Tennō;) gegründet. Ursprünglich wurde der Tempel Yakuni-dera, „Tempel der 8 Länder“ genannt, da man damals von hier einen Rundumblick über 8 Provinzen (u. a. Aki, Bingo, Bittchū, Bizen) hatte. Der Tempel ist Senju Kannon (tausendarmige Kannon) als Hauptgottheit (honzon) gewidmet, aber ob die Statue von Gyōgi oder Kōbō Daishi geschaffen wurde, bleibt offen. Als Junge kam Kōbo Daishi hierher, um in einer als Löwenhöhle (shishi no gankutsu) bezeichneten Höhle zu meditieren. Er soll hier auch geschworen haben, den Buddhismus zu verbreiten. Als er aus China heimkehrte sollen beim Studium des Gumonji-hō (Morgensternmeditation) fünf Schwerte vom Himmel gefallen sein, deshalb wird der Tempel auch als 5-Schwerter-Tempel bezeichnet. An der Felswand hinter dem Tempel gibt es über 1500 Bilder von Amida Buddha, die in die Felswand geritzt wurden, sowie Bilder von Stupas (Reliquientürmchen) und die Worte „Namu Amida Butsu“ (Mantra - Wortformel Amida Buddhas). Ob sie von Ippen Shōnin (13. Jhd) oder von Kōbō Daishi stammen ist ungeklärt, es wird vermutet, dass sie zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert entstanden sind. Der Tempel ist berühmt für seine wundersamen Heilungen - Krücken, Prothesen und andere medizinische Ausrüstung hinter der Haupthalle geben Zeugnis davon ab. Bevor dieser Tempel in den Kreis der 88 Tempel aufgenommen wurde, war er Teil einer kleinen Pilgerreise, welche die Tempel von 71 bis 78 umfasste. Da der Tempel den Tod erleichtern (haka-shō) und sich dementsprechend die Seelen Verstorbener hier versammeln sollen, brachten viele Menschen die Überreste ihrer Toten hierher. Doch diese Pilgerkette ging ebenso in der Pilgerreise der 88 Tempel auf wie die Kette der ersten 10 (Tempel Nr. 1 bis Nr.10). Sehenswert ist die 6 m hohe Kupferstatue von Kongōkyo Bosatsu, der vom Oberpriester Kakurin in der Genroku-Periode (1688-1703) geschaffen wurde. Kongōkyo Bosatsu bezieht sich wohl auf die Erleuchteten (bosatsu) des Diamant Mandalas (Kongo-kai) bzw. dessen Zentralbuddha Dainichi Nyorai, da ein Kongōkyo Bosatsu eigentlich nicht zu den klassischen 13 Buddhas des Shingon gehört. Im 16. Jahrhundert brannten alle Gebäude nieder und wurden um 1720 vom Lord Ikoma von Sanuki wiedererrichtet. Der Schatzturm (tahōto), der ursprünglich zusammen mit Reisfeldern von Kaiser Shōmu (701-756; 45. Tennō) gestiftet worden war, wurde 1877 wiedererrichtet. Das berühmteste Bild im Fels wird „Magai Bustu“ genannt, es zeigt Amida Nyorai mit Kannon und Shōshi Bosatsu an seiner Seite. Shōshi Bosatsu ist ebenfalls kein Buddha des Shingon, vermutlich handelt es sich um die ehemalige Ehefrau Shōshi (988-1074) des Kaisers Go-Reizei (1046–1068; 70. Tennō). Während man die 262 Steinstufen vom Niōmon (Wächtertor) zum Tempel hinaufsteigt, kann man unzählige Buddha Statuen bewundern.

Als ich die Tempelhalle aufsuche, muss ich hier die Schuhe ausziehen, um ins Gebäude und zum Tempelbüro zu gelangen. Ich bin zwar auch faul, meine Schnürsenkel „aufzutüddeln“, aber vor allem denke ich an meine armen Mitpilger. Meine „Knobelbecher“ verströmen mittlerweile so eine Mischung aus Käsefuß und „nasser Hund Aroma“. Kein Wunder, bin ich doch zwischenzeitlich 35 Tage in ihnen unterwegs! Ich bin zwar schon dazu übergegangen, ein Bund Räucherstäbchen hineinzustecken, wenn ich sie im Genkan (Flur) eines Ryokans abstellen muss, aber das hilft nur temporär. Hier im Iyadaniji Tempel gibt es einen, wenn auch verschachtelten, Innenraum, der sowohl den Hondō (Haupthalle) als auch den Dasihidō (Daishi-Halle) umfasst. Die Pilger sitzen hier auf Tatami-Matten (Reisstrohmatten) und beten. Als ich dieses Gebäude verlasse, ziehe ich meine Schuhe wieder fester, denn ich möchte noch höher steigen, da es dort die Tigerhöhle und das aus drei Buddhas bestehende „Magai Butus“ zu sehen gibt. Die Neugier treibt mich nach oben, von hier kann ich fast den ganzen Weg sehen, den ich seit heute morgen gelaufen bin. Eine herrliche Aussicht! Als ich mich auf den Rückweg mache, fallen mir an der Treppe die Schilder an den Bäumen auf: Nummerierungen und Namen, z.B. 48 Yamamono („Bergpfirsich“?) in Katakana (jap. Silbenschrift für Fachwörter) und in Hiragana (jap. Silbenschrift für alles andere). Ob das gleichzeitig ein Naturkundepfad ist?

Zum nächsten Tempel geht der Pilgerweg endlich wieder über einen Trampelpfad durch den Wald. Anfangs begleiten den Weg noch kleine Steinfiguren, dann bin ich mal wieder allein. Ich passiere eine Teichlandschaft und unterquere den Takamatsu Expressway. Was ich anfänglich für eine Fischzucht gehalten habe, da sich Kormorane auf schwimmenden Netzabgrenzungen niedergelassen haben, stellt sich dann doch als Golfanlage heraus: Von einem überdachten Uferabschnitt aus können die Golfer hier ihre Zielsicherheit trainieren, indem sie in das eine oder andere Netz schlagen. Nachdem ich den Abzweiger zum Tempel an der Straße Nr. 11 gefunden habe, geht es wieder bergauf. Ich habe mich entschlossen, erstmal den höher gelegenen Tempel zu besuchen, da ich bei der Hitze mit meinen Kräften haushalten muss.

Exkurs Tempel Nr. 73 Shusshakaji (出釈迦寺)
„Der Tempel der Sakkamuni Erscheinung“ erhielt seinen Namen, nachdem der siebenjährige Kōbō Daishi hier vom der Klippe (shashigatake – „Springerklippe“) des Berges Gahaishi sprang. Er hatte geschworen alles Lebende zu retten und mit dem Sprung in die Tiefe, wollte er Auskunft über seine Erfolgschancen erlagen. Er wollte wissen, ob sein Trachten von Erfolg gekrönt sein würde, ansonsten sollte ihn Buddha sterben lassen. Aber – oh Wunder – Buddha Sakkamuni (historische Buddha) erschien mit seinen himmlischen Herscharen und errettete den Jungen. Später kam der Daishi abermals hierher, um das Gumonji-hō (Morgensternmeditation) zu studieren und zu praktizieren. Er hat ebenfalls die Statue des Kokūzō Bosatsu geschnitzt und es dem inneren Heiligtum (okunoin) gewidmet. Die Hauptgottheit im Tempel ist jedoch Shaka Nyorai, der Buddha, der ihn vor dem Tod bewahrt hatte. Vor ca. 300 Jahren wurde der Tempel von der Bergspitze in der Nähe der Klippe an den Fuß des Berges verlegt. Lediglich das Okunoin („innerstes Heiligtum“; shashin ga dake zenjō) liegt heute noch hoch oben am Berg. Man kann die Stätte gut vom Tempel aus sehen und sie ist einen Besuch wert. Bemerkenswert sind ferner die Pinie/Kiefer (kodakara no sanku no matsu), deren dreiteilige Nadeln am Körper getragen Kindersegen versprechen. An der Spitze des Berges Gahaishi soll ein uralter Stein liegen, der vor allem von alten Asketen (Yamabushi?) verehrt wird. Auf dem Weg dorthin (und zum Okunoin) soll eine Hütte des Künstlers Saigyō liegen, den ich noch bei Tempel 72 erwähnen werde.

Als ich den Tempel betrete, spricht mich ein Japaner an, der mich wohl schon im Tempel Nr. 71 gesehen hat. Bei einem kleinen Klönschnack bemerkt er, wie schnell ich doch zu Fuß bin und das sogar mit dem schweren Rucksack. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht realisiert habe, dass ich in Tempel Nr. 73 stehe, ich wolle den höher gelegenen Tempel doch zuerst erklimmen, verstehe ich nicht, dass ich per pedes schneller sein soll als der Autopilger. Der Mann hat nämlich der Reihenfolge entsprechend, Tempel Nr. 72 zuerst besucht, und ist dann hierher gekommen. Ich muss noch bei Nr. 72 einkehren und habe deshalb nur augenscheinlich einen Vorsprung. Ich bewundere die Statuen im Tempel und als ich mir eine Statue auf einer hohen Säule anschaue, kann ich sogar das Dach des Okunoin (Inneres Heiligtum) sehen. Aber den Weg am Berg bei der Hitze noch zu erkraxeln, das schaffe ich beim besten Willen nicht. Ich werde zusehen, noch den unteren Mandaraji zu besuchen und mir dann in Zentsūji City eine Unterkunft suchen. Wenn es zeitlich geht, wären da noch der Kōyamaji (Nr.74) und Zentsūji (Nr. 75) zu besuchen. Als ich den Tempel wieder verlasse, spült da doch so eine weiße Woge von Pilgern den Berg hoch. Hilfe, denke ich, und suche Schutz in einem Nebenweg, der zu einer Kōbō Daishi Figur führt. Mit viel „konnichi wa“ („Guten Tag“) und „gambatte“ (Geben sie ihr Bestes, nur Mut!“) grüße ich noch die Nachzügler des Tsunami, der jetzt den Tempel erreicht hat. Schnell laufe ich bergab in Richtung Mandaraji, es sind nur ca. 600 m.

Exkurs Tempel Nr. 72 Mandaraji (曼荼羅寺)
„Der Mandala Tempel“ hieß ursprünglich Yosakaji und wurde 596 als Ahnentempel des Saeki Clans, zu dem auch Kōbo Daishi gehörte, gegründet. Als der Daishi 807 aus China zurückkehrte, gestaltete er den Tempel nach dem chinesischen Vorbild des Chōryūji (chin. Shing-Lung-Si) um. Er schnitze als Hauptgottheit eine Statue des Dainichi Nyorai und stiftete die beiden Mandalas „Taizōkai“ (Mandala des Mutterschoßes) und „Kongokai“ (Mandala des Diamantreiches), die er aus China mitgebracht hatte, dem Tempel, den er jetzt Mandaraji nannte. Von Interesse sind die 377 Täfelchen an der Decke der Haupthalle (hondō). Die regenschirmförmige Pinie/Kiefer (kasamatsu), auch „alterslose Pinie“ (forōno matsu) genannt, die Kōbō Daishi persönlich gepflanzt haben soll, ist leider 2002 aufgrund von Pinienkäferbefall zugrunde gegangen. Aber man ließ aus einem Zweig eine Kōbō Daishi Figur schnitzen, die als Kasamatsu Daishi (Regenschirm-Pinien Daishi) an den Baum erinnern soll. Auf dem Gelände befindet sich noch unter einem Kirschbaum (kasa kake sakura) ein als „Hirune Ishi“ („Mittagsschläfchen Stein“) bezeichneter Stein, auf dem sich der berühmte Poet Saygyō Hōshi (1118-1190) ausgeruht haben soll. Auch eine kleine Hütte (mizukuku an), in der sich der Dichter wohnte, ist auf dem Tempelgelände zu finden.

Das Tempeltor des Mandarajis weist sowohl Wächterstatuen als auch Strohsandalen auf. Zum Glück ist hier nicht so viel Betrieb. Aber wenn die Herrschaften von Tempel Nr. 73 sich wieder auf den Parkplatz ergießen, kann es schon hektisch werden. Besonders angetan bin ich vom Räuchergefäß vor der Daishi-Halle (daishidō), da es aufwendig verziert ist. Ich durchsuche das ganze Tempelgelände nach der winkellosen Schirmpinie, erst später erfahre ich aus einem anderen Tempelführer, dass der Baum schon 2002 eingegangen war. Als ich mir dann so die seltsame Schnitzform der Kōbō Daishi Figur ansehen und schließlich noch das Bild der eingegangenen Pinie finde, kann ich mir die Geschichten dann auch alleine zusammenreimen. Jetzt noch schnell zu Nr. 74, der nur ca. 2 km entfernt liegt. Ich laufe an einem kleine Flüsschen entlang und traue meinen Augen nicht. Soll der Tempel etwa hier im Industriegebiet liegen, vielleicht sogar neben der Sandkuhle oder was das auch sein mag? Und tatsächlich, als ich näher komme liegt da doch der Tempel, als hätte man in irgendwo in den Bergen geklaut und hier kurz abgestellt. Am Anfang sehe ich auch kein Tor, nur zwei Stelen, die vor einem Bereich stehen, dessen Gebäude aus neuem, hellen Holz bestehen. Als ich jedoch das Tempelgelände erkunde, treffe ich dann doch noch auf ältere Gebäude und einen Shinto Schrein.

Exkurs Tempel Nr. 74 Kōyamaji (甲山寺)
„Der Tempel des Helm Berges“ klingt in der Übersetzung etwas holprig, aber es ist der Kopfschutz (engl. amor/hemet) von Bishamonten, einem der 7 Glücksgötter, gemeint, vom dem der Berg seinen Namen hat. Nachdem Kōbō Daishi 821 das in der Nähe liegenden Manno Wasserreservoir auf Geheiß des Kaisers Saga (786-842; 52. Tennō) hat umbauen lassen, da es immer wieder brach und zu Überflutungen kam, gründete er diesen Tempel zum Dank für die erfolgreiche Fertigstellung. Der Legende nach kam ein weiser, alter Mann aus einer Höhle und versprach dem Daishi positive Kraft und Schutz für den Tempel. Sogleich brach Kōbō Daishi einen Stück aus dem Felsen und schuf das Bildnis des Bishamonten, das in der Höhle verwart wird. Den Tempel soll er mithilfe des Geldes errichtet haben, welches er für die Rekonstruktion des Wasserreservoirs (manno ike) erhalten hatte. Vor dem Umbau des Reservoirs, welches heute noch das größte in Japan ist, hielt er ein Goma Ritual (Feuerritual) ab und schnitzte die Figur des Yakushi Nyorai. Zum Dank und als Unterbringungsmöglichkeit für die Statue gründete er den Koyamaji Tempel und machte Yakushi zur Hauptgottheit (honzon). Bemerkenswert sind hier ferner die Koyasu Kannon Figur, die für Kindersegen steht, die Höhle über der Haupthalle (hondō) und die Haupthalle selbst mit ihren bemalten Deckentäfelchen. Es gibt hier einen großen Wassertrog aus Stein. Das Manno-ike Wasserreservoir liegt nur einige Kilometer vom Tempel entfernt, wo eine Kōbō Daishi Figur heute an seinen Konstrukteur erinnert.

Die erwähnten Deckentäfelchen im Hondō (Haupthalle) sehe ich mir zwar nicht mehr an, es hat sich gerade eine Traube von Pilgern davor versammelt, um das Herz Sutra zu rezitieren. Aber den Wassertrog und auch die Höhle, die außen sowie innen hübsch ausgebaut wurde, nehme ich in Augenschein. Die knapp 1,5 km bis zum Zentsūji schaffe ich dann auch noch und treffe kurz vor 17.00 Uhr im Tempel ein.

Exkurs Tempel Nr. 75 Zentsūji (善通寺)

„Der Tempel des rechten Weges“ ist der Geburtsort von Kōbō Daishi und der erste Shingon Tempel Japans. Der Name stammt von Vater des Daishi, den man sowohl „Yoshimichi“ als auch „Zentsū“ lesen kann. Als Oberhaupt des Saeki Klans hat er sowohl Ländereien als auch Bäume für den Tempelkomplex gestiftet. Der Legende nach wurde der Tempel auf dem Sand der 8 heiligen Stätten Indiens gebaut, den Kōbō Daishi von seinem chinesischen Lehrer Hui Kuo erhalten hatte. Die Bauzeit betrug 6 Jahre, wobei Kōbō Daishi die Statue des Yakushi Nyorai, höchster Buddha im Shingon Buddhismus, geschnitzt und ihm den Tempel geweiht hat. Der Oberpriester wird traditioneller Weise vom Kaiser persönlich bestimmt. Der Zentsūji gehört neben dem Kongōbuji, Hauptquartier des Shingon Schule und Mausoleum des Daishi auf dem Koyasan, sowie dem Tōji Tempel in Kyoto, erste Wirkungs- und Ordinationsstätte des Daishis, zu den drei wichtigsten Tempel des Shingon in Japan. Der Tempel wird in einen Ost- und einen Westteil gegliedert, wobei der Ostteil den goldenen Hondō (Haupthalle; auch kondō, „Goldene Halle“), die Pagode, die Jōgyō Halle und drei Tore aufweist. Die erste Pagode stammt aus dem Jahre 813, die jetzige, vierte, Rekonstruktion stammt aus dem Jahre 1884. Der größere Westteil enthält das Niōmon (Wächtertor), Chokushi Tor, Hiei Halle, Jizō Halle, Goma Halle, Shōrei Halle, Schatzhalle mit dem Patriarchenstab des Shingon, eine neue Meditationshalle, eine Stupa (Reliquienturm) und das „Iroha“ Gebäude. In einem Gebäude namens Tanjō-in gibt es den Kaidan Meguri („Geister Pilgerreise“), eine Art unbeleuchteter Tunnel in dem man an 88 Buddha Statuen entlang laufen muss. Man sagt, dass böse Menschen in diesem Tunnel steckenbleiben. Eine rechteckige Platte im Tunnel markiert den Geburtsort von Mao („wahrer Fisch“), wie der Jungenname des Daishis lautet. Allerdings gibt es darüber einige Kontroversen, da menstruierenden bzw. gebärenden Frauen der Zugang zu Tempeln zu damaliger Zeit versagt wurde. Da sie als rituell unreich galten, würde wohl keiner einen Tempel an einem solchen Ort errichten. Es ist also fraglich ob diese Stelle hier, die man Byōbugara nennt, nun hier oder in der Nähe an einem Stand, wo jetzt ein Bangai Tempel steht, zu finden ist. Man geht davon aus, dass Yoshimichi Saeki mit seiner Frau Tamayori-gozen den kleinen Mao dort am Meer aufgezogen haben könnten. Ein ehemaliges Haus, das jetzt ein Tempel ist und Miedo genannt wird, war mal das Haus von Kōbō Daishis Mutter. Aber im Zentsūji Tempel kann man noch den Ort finden, wo der kleine Mao seinen Hund begrub oder seine erste Statue geschnitzt hat.

Jetzt bin ich aber platt! Die Straße, die hier vom Zentsūji Tempel abgeht hat fünf Ryokans, in denen Pilger willkommen sind. Ich versuche mein Glück im ersten, dem Yamamoto Ryokan, und bekomme prompt ein Zimmer. Die Wirtin vermietet mir ein Tatamizimmer mit eigenem Bad. Es ist zwar alles etwas alt und siffig, aber ich habe ein Dach über dem Kopf und da ich mir heute ein ordentliches Abendessen gönne, muss ich mir auch darüber keinen Kopf machen. Ich lauere noch auf den Regentag, den der Wetterbericht vor zwei Tagen angekündigt hat, aber vielleicht hat sich der Regen schon verzogen. Ich nehme ein heißes Bad, das muss heute sein, auch wenn ich hier kein O-furo (jap. Gemeinschaftsbad) habe. Es gibt ein grandioses Abendessen mit Feuertopf (Udon) und Jakobsmuscheln. Als ich gerade das Abendessen mit der Kamera dokumentiere, fragt mich ein Japaner im Speiseraum, ob er von mir ein Bild machen soll. Nein danke, antworte ich, ich sehe zurzeit dermaßen abgehetzt und ausgezehrt aus, dass das kein schönes Bild werden würde. Dafür zeigt mir die Wirtin, die sehr gut Englisch spricht, ein neues Motiv. Hierzu winkt sie mich auf die Straße und präsentiert mir die beleuchtete Pagode des angrenzenden Zenzūji Tempels. Das ist die drittgrößte Pagode in ganz Japan, fügt sie hinzu. Als ich nach dem Abendessen auf mein Zimmer komme, ist sogar mein Futon gemacht. Peinlich, denke ich, da ich nicht mit diesem „Service“ gerechnet habe, hatte ich meine paar Sachen auch nicht sonderlich aufgeräumt.

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