Karte von Shikoku mit den 88 Haupt- und 20 Nebentempeln


Mittwoch, 30. Juni 2010

Dienstag, 28.04.2009, Tokushima, BR Sakura

Der 44. Tag in Japan
Um 6.30 Uhr ist Abmarsch bei mir angesagt, da der Bus um 7.05 Uhr abfährt. Ich werde erstmal mit dem Reisebus zum Kansai Airport fahren, um am Flugschalter Informationen einzuholen. Ich hatte zwar eine E-Mail an die Airline geschickt, jedoch noch keine Antwort erhalten. Wo ich das nächste Mal Gelegenheit finde, einen Internetanschluss zu finden ist fraglich. Natürlich gibt es im Kansai Airport im Keller eine Reihe von Internetterminals, von denen man für 100 Yen ca. 10 Minuten im Internet surfen kann, aber bei meiner Ankunft wird es ist in Japan noch früher Morgen sein (dementsprechend ist es in Europa noch mitten in der Nacht). Hier in Tokushima kaufe ich erstmal ein Ticket für den Bus, bekomme meine Gepäckscheine vom Fahrer ausgehändigt, der meinen Rucksack sofort im Gepäckfach verstaut. Als ich mich jedoch ganz vorne am Eingang platziere, so wie ich es schon bei der Hinfahrt mit Hajo getan hatte, werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich ein Ticket 2. Klasse gekauft habe und die Sitzplätze dafür erst ab der 3. Reihe beginnen. Ich sehe dabei zwar keinen großen Unterschied zur Hinfahrt, ich habe beides mal 4000 Yen bezahlt, füge mich jedoch den Anweisungen. Als der Bus vom Busbahnhof vor dem Tokushima Hauptbahnhof abfährt, verabschiede ich mich innerlich von Shikoku. „Sayonara Shikoku – bis bald!“

Jetzt noch zurück über den Naruto Expressway, die Naruto Kaikyo Brücke, die Sikoku mit der Insel Awaji verbindet, und der Akashi Kaikyo Brücke, die die Verbindung zum Festland darstellt, und schon sind wir durch die Stadt Kobe wieder in Osaka. Als ich in Kansai aussteige, prüfe ich zuerst, ob der Airline Schalter besetzt ist. Aber Fehlanzeige – da es zurzeit keinen Flug dieser Airline gibt, ist auch keine Schalter geöffnet bzw. kein Personal, das ich hätte fragen können, anwesend. Ich gehe ins Kellergeschoß, um mir an der Touristeninformation Infos zum Koyasan zu besorgen. Vor allem benötige ich Infos wie ich am leichtesten dort hin komme. Leider ist die nette Japanerin, die mich und Hajo vor 6 Wochen weitergeholfen hatte nicht da, aber auch so bekomme ich viele nützliche Informationen. Ich erhalte eine Karte mit der Aufschrift „Map of Kansai Airport“, eine Karte, die ich jedem empfehle sich zu besorgen, da sie nicht nur eine Karte des Einzugsgebiets von Kansai aufweist, sondern auch das Liniennetz der JR („Japan Railways“) - und Privatbahnen der Gegend. Ich kann von Kansai mit der privaten Nankai Railway Linie nach Kishinosato Tamade fahren, dort umsteigen, um dann mit einer weiteren Nakai Linie direkt zum Koyasan zu fahren. Da ich ein Kombiticket kaufe, welches die Bergbahn vom Bahnhof Koyasan auf den Berg mit ein schließt, sollte ich so relativ sicher an mein Ziel gelangen. Das klingt erstmal gut, da es aber viele unterschiedlich schnelle Züge gibt, die nicht überall halten bzw. die Strecke nicht durchfahren, ist es dann doch komplizierter als gedacht. Es wird hier nicht nur in Express und Local (normal schnell) unterschieden, sondern es gibt hier Limited Express rapid, Ltd. Express Southern, Ltd. Express, Airport Express, Sub Express, Semi Express und natürlich den Bummelzug (local), der an wirklich jeder Haltestelle stoppt. Sitzt man im falschen Zug und wundert sich, dass alle Leute auf einmal den Wagon verlassen, ist das wohl die Endstelle. Man muss immer darauf achten bis wohin („bound for XY“) der Zug fährt, um von dort dann einen Anschlusszug zu nehmen.

Ich habe leider Pech, so dass ich von 11.00 bis 14.00 Uhr auf so einem kleinen Bahnhof herumsitzen muss. Die Sonne scheint zwar, aber mir ist kalt. Vielleicht weil wir schon in den Bergen sind. Zum Aufwärmen ziehe ich mir eine Dose Nescafe aus dem Automaten, obwohl ich eigentlich sowohl den fertigen Dosenkaffee als auch Tee verabscheue. Aber wenn einem kalt ist, nutzt man jede Wärmequelle. Der Kaffe wird sogar in drei unterschiedlichen Geschmacksrichtungen angeboten. Die Dosen tragen die Aufschriften „France“, „Italia“ und „Tanzania“ in Romaji (Lateinische Buchstaben) und ich schätze, dass hier mit Milchkaffee, Espresso und Normalkaffe gemeint sein könnten. Ich bin ja schon froh, dass es Nescafe ist und nicht diese übersüßten, mit Milch verunreinigten Koffeinbomben, die sich „Morning Shot“ oder so ähnlich nennt. Doch endlich geht es weiter.

Der Zug schleppt sich den Berg hoch, allzu weit kann es nicht mehr sein, denn der Zug hat ganz schön zu tun, hier hochzukommen. Bald werden ich auf die Zugbahn („Cablecar“) umsteigen müssen, da es trotz Tunnel einfach zu steil für einen Normalzug wird. Als ich dann in Gokarukobashi eintreffe, wuchten ich mich und mein Gepäck zur besagten Seilzugbahn, die nur wenige Meter weiter ihren Ausgangspunk hat. Wir sind nur wenige Personen im Wagon, der keinen Gang, sondern eine Treppe im Inneren aufweist, da es hier so steil ist. Mir fällt sofort eine Frau mit lindgrüner Jacke auf, die hier einige Fotos schießt. Ausländer fallen hier schnell auf und auch mich hat sie entdeckt. Als sie sich wieder zu ihrem Manns setzt, fang ich ein Gespräch an. Es sind Franzosen, die im Zuge ihres Japanurlaubs den Koyasan besuchen wollen. In Kyoto, Osaka und Nara sind sie schon gewesen, jetzt wollen sie den berühmten Koyasan besuchen. Ich berichte ihnen von meiner Shikoku Tour und so plaudern wir fast die ganze Fahrt nur über Japan. Es gibt hier zwei Bahnen, die jeweils nach oben und unter fahren. In einem kleinen Bereich ist die Strecke zweigleisig ausgebaut, hier müssen sich die Bahnen treffen, da der Rest nur eingleisig ist. Ich frage mich gerade, wie man hier als Wanderer bzw. Pilger den Berg hoch kommt, da die Strecke zeitweilig parallel zu einem Schotterweg verläuft. Aber schließlich kommen wir an der Bergstation an und ich bin wieder etwas geschockt, wie viel Betrieb hier auf einmal ist.

Ich dachte, ich wäre am Ziel, aber hier muss man noch auf Busse umsteigen, die einen in die eigentliche Stadt bzw. zu den Tempel, von denen es hier über 100 gibt, bringen soll. Da man den ersten Teil bis zum Eingang nicht laufen darf, sei es als Vorsichtsmaßnahme damit man hier nicht unter die Räder kommt, oder als Einnahmequelle für die Tempelstadt, kaufe ich mir an der Kasse erstmal ein Tagesticket. Zum Glück bekomme ich hier gleich einen Lageplan und eine Informationsbroschüre in englischer Sprache ausgehändigt. Etwas verwirrt, weil ich mich noch nicht entscheiden konnte, besteige ich den erstbesten Bus, um erstmal in die Stadt zu kommen. Meine Vorstellung von einem kleinen Dorf, das ganz traditionell und schlicht, dafür aber mit etlichen prächtigen Tempeln hier auf dem Koyasan liegt, muss ich begraben. Ich habe das gleiche Gefühl, welches ich damals beim ersten Besuch von Kyoto hatte, das ich mir als beschauliches Städtchen mit hübschen kleinen Tempeln vorgestellt hatte. Es präsentierte sich mir jedoch als Großstadt ähnlich wie Tokyo, welche die Tempel als Sehenswürdigkeiten vermarkten und mit einem gut ausgebauten Transportsystem verbunden hatten. Was soll ich sagen, so etwas nennt man wohl Kulturschock! Ich hätte mich vorher besser informieren sollen, aber jetzt lasse ich mich treiben und guck mal wo ich lande.

Ich steige am “Friedhof” bzw. als Okunoin („innerstes Heiligtum“) bezeichneten Bereich aus, da diese die letzte Bushaltestelle („Okunion mae“) ist. Von hier kann ich die Tempelstadt von hinten aufrollen, aber als erstes werde ich mir die Stempel für mein Pilgerbuch (nokyochō) holen. Ich bin ohnehin „durch den Wind“ und fürchte, es sonst zu vergessen. Hier am Pilgerbüro stehen kleine Grüppchen von jungen Leuten. Ein junger Japaner ist gerade damit beschäftigt eigenhändig, die weißen Pilgerwesten zu stempeln, der Priester beschäftig sich derweil mit den anderen Pilgern. Es dauert bis ich an der Reihe bin, aber schließlich und endlich habe ich dann doch mein Schicksal, respektive mein Pilgerbuch, erfüllt. Die Herrschaften hier, vor allem der etwas ältere, ich möchte ihn mal mit „Lackaffen“ umschreiben, unterhält hier die ganze Meute von jungen Männern. Mir sträuben sich die Nackenhaare, so würde ich mir einen Yakusa (jap. Mafia) vorstellen. Der nette und hilfsbereite Onkel von nebenan, der wenn du nicht auf seine Bitten eingehst, eine Spende für die hilfsbedürftige Gaunerschaft deines Stadtteils zu geben, dir die Finger bricht. Allzu gerne würde ich wissen, was er unter seinen Klamotten trägt, da es fast ausnahmslos Yakusa sind, die hier in Japan Tätowierungen tragen. Deshalb sind Tätowierungen in Japan auch heute noch verpönt und dieser „Gesellschaft“ verboten, öffentliche Badehäuser zu betreten. Aber ich will mich nicht noch mehr runterziehen. Da es hier oben nicht nur sehr kalt ist, sondern auch noch angefangen hat zu regnen, will ich mich nicht lange aufhalten. Ich durchwandere den „Friedhof“, es sollen hier mehr als 2000 Grabsteine stehen. Von Kaisern und Daimyō (lokaler Fürst), über Dichter bis zum einfachen Mann, ist hier alles vertreten, sogar Firmenlogos mit Gedenksteinen für die verstorbenen Mitarbeiter kann ich ausmachen. Da der Daishi im Alter von 62 Jahren in die „ewigen Jagdgründe“ eingegangen ist bzw. in ewiger Meditation (Samadhi) seit dem 21. März des Jahres 835 hier seine letzte Ruhe gefunden hat, dachten viele Anhänger, dass die Nähe des Heiligen ihnen ein gutes Karma (Schicksal) für das nächste Leben bescheren könnte. Diese Art der wundersamen Überdauerung, weder richtig tot und erleuchtet, noch lebendig und um die endgültige Auflösung (Nirvana) strebend, ist nicht ungewöhnlich hier in Japan. Denn auch dem Tendai Sektengründer Saicho („Höchste Klarheit“), der mit dem Daishi nach China gereist war, wird nachgesagt, seit 822 in seinem Tempel Enrakuji auf dem Berg Hiei (bei Kyoto) in Meditation zu verweilen. (Vielleicht hat jemandem den Bericht über den „Marathonmönch“ vom Hiei gesehen, eben dieser steht in der Tradition des Tendai Buddismus; siehe auch http://www.3sat.de/dynamic/sitegen/bin/sitegen.php?query_string=Japan&days_published=365&scsrc=1 Eingabe "Marathonmönch"

Ich wandere hier also über den Friedhof, aber die Orientierung ist schwierig, da keine Karte wirklich alle Gebäude auflistet. So vergleiche ich meine drei Auswahlmöglichkeiten, um meinen Standpunkt auch nur ansatzweise ermitteln zu können. Als ich an einem schreinartigen Gebäude vorbeikomme, es ist das Eireiden, dachte ich schon, dass es das Okunoin („Innerstes Heiligtum“) mit dem Mausoleum des Daishis wäre, aber es sieht eher nach Schrein aus. Aber ich bin auf dem falschen Weg, der richtige, eine etwa 2 km mit uralten Zedern eingefasste Straße, hätte mich über die Ichinobashi, die Nakanobashi und Gobyōbashi genannten Brücken direkt zum Daishi Mausoleum führen müssen. Die Brücken trennen jeweils die Bereiche in das „Reich der Toten“, das „Reich der Reinigung“ und das „Reich der Erleuchtung“. Ich fühle mich nach Shikoku zurückversetzt, wo ich mit jeder Provinz bzw. Dōjo (Übungsraum) der Erleuchtung (Nirvana) näher kommen sollte.

Jetzt laufe ich aber ein bisschen querfeldein und bewundere die vielen Statuen, Grabanlagen und Gedenksteine. Ich sehe eine Statue eines Hundes, ein kleiner Samurai im Manga Stil. (Manga bezeichnet die japanischen Comics, während Anime für die Zeichentrick- oder Animationsfilme verwendet wird.) Am Nissan Denkmal kann ich zwei Arbeiter erkennen und zwischendurch stehen diese riesigen Bäume, von denen die ältesten 900 Jahre alt sein sollen. Aus der Broschüre erfahre ich, dass aus Sicherheitsgründen immer wieder Bäume gefällt werden müssen, da sie abgestorben oder von einem Taifun beschädigt worden sind. Dies geschieht aber nur im Notfall und unter Rezitation von Sutren (Gebetsformeln). Es gibt hier so viele interessante Details, ich kann mich gar nicht satt sehen. Ein Buch lesender Herr mit Schal und einige Reliefs, bei denen ich europäische Kleidung und Gesichter ausmachen kann, sowie die „Berge“ von kleinen Steinen und Jizō Figuren habe es mir angetan. Später erfahre ich, dass diese Jizō „Aufschichtungen“ für Verstorbene errichtet worden sind, die keine Verwandten hatten, so dass sich auch niemand um die Riten nach dem Tod hätte kümmern können.

Ich sehe eine bronzene Gruppe von Figuren, „Mizumuke Jizō“ werden sie hier genannt, und es soll gutes Karma (Schicksal) bringen, sie mit Wasser zu bespritzen, was anwesende Pilger auch mit viel Schwung tun. Nach der letzten der drei Brücken ist es leider untersagt, Fotos zu machen oder hier mit Yukata (Baumwollkimono) durchzuschlendern. Ein Schild in englischer Sprache weist mich nachdrücklich darauf hin. Im Tama Fluss ist wohl eine Art spiritueller Reinigungshölzer aufgebaut, dies ist leider mein letztes Foto, da man im Okunoin (innerstes Heiligtum) nicht fotografieren darf. In der darauffolgenden Halle, es ist weder ein Tempel noch das Mausoleum, werden von Mönchen Bestellungen entgegengenommen, die sind auf Riten für die Toten und auf die Wunscherfüllung beziehen. Links vorbei, wieder aus der Halle, kommt man dann zu einer kleinen Hütte, die als „Knochenhaus“ genutzt wird. Hier werden Knochen derjenigen verwahrt, die wohl auf dem Friedhof vor dem Komplex weder Platz noch das nötige Kleingeld besaßen, um hier dauerhaft und endgültig die letzte Ruhe zu finden. Man kann sich hier auf dem Koyasan eine „Portion Glück“ erkaufen, z.B. indem man eine Sutra Abschrift anfertigt und sie dann gegen Bezahlung für einen gewissen Zeitraum hier lagert. Wer sich einbildet, die Sachen würde hier ewig verwahrt, wie es für Sutrenspeicher auf Shikoku in früheren Jahrhunderten üblich war, wird enttäuscht, denn dann würde der Berg aus allen Nähten platzen, so viel Stauraum gäbe es gar nicht. Aber so eine temporäre Zwischenlösung.

Jetzt stehe ich endlich vor dem Mausoleum des Daishi, kann aber kaum was sehen, da es hier keine Tempelhalle gibt, sondern nur ein Zaun, vor dem man Weihrauch abbrennt und seine Gebete tätigt. Irgendwo dahinten, hinter einer kleinen Tür, versteckt im Grünen, soll der Daishi in seinem Mausoleum in ewiger Meditation zwischen Dies- und Jenseits schweben. Dabei halten ich ihn doch in der Hand, meinen Daishi bzw. Wanderstock, der mich ohne größere Probleme über die Insel Shikoku geführt hat. „Arigatō gozaimasu“ (Herzlichen Dank), denke ich und will mich auf den Weg in die Stadt machen. Ich habe in einem kleinen Plan gesehen, dass es hier sogar eine Jugendherberge gibt. Vielleicht sollte ich da erstmal einkehren und mich von meinem Kulturschock erholen. Hier gibt es sicherlich noch mehr zu sehen und wenn ich schon mal hier bin, dann sollte es mir nicht entgehen lassen, mich erstmal gründlich zu informieren.

Ich laufe diesmal rechts am Gebäude vorbei und stoße auf eine Halle die Totodō („Laternhalle“) genannt wird und in der in ununterbrochener Folge, seit dem Eintreten des Daishis in seinen jetzigen Zustand, die gestifteten Laternen brennen. Die berühmtesten Laternen stammen vom Shirakawa Tennō (1053-1129; 72. Tenno) und einer armen Frau names Oteru (http://www.koyasan.or.jp/english/visitors/midokoro/torodo.html).
Ich halte mich hier aber nicht lange auf. Es ist kalt, tröpfelt vor sich hin, weshalb ich es vorziehe, mein Glück in der Jugendherberge zu suchen. Die liegt zwar fast am anderen Ende der Tempelstadt, aber da ich die 2 km Pinienallee ohnehin besichtigen wollte, laufe ich diesen Weg entlang. Als ich dann wieder auf die Hauptstraße treffe, auf der ich mit dem Bus gekommen bin, staune ich dann doch nicht schlecht, da sich hier ein Tempel an den nächsten reiht. Natürlich sehe ich nur die Tempeleingänge mit den Toren, aber alles ist hier schön gestaltet mit Pinienzweigen, Wasserbehältern und sogar Japanflaggen. Es gibt einen großen Pilgerutensilien Shop und kleine Stände wo man Opfergaben wie Orangen und erwähnte Pinienzweige kaufen kann. Zum Glück bestätigt sich meine Befürchtung nicht, hier eine Großstadt wie Kyoto vorzufinden. Vielleicht eine Kleinstadt oder um die jetzige Uhrzeit vielleicht ein Dorf, da die Tagestouristen schon wieder auf der Heimreise sind bzw. sich in die angrenzenden Tempel zum Shokubō (Tempelübernachtung) zurückgezogen haben.

Als ich in den Vorraum der Jugendherberge (http://www2.ocn.ne.jp/~koyasan/indexe.html) trete, es ist ein herrliches, altes Japanhaus, und ich bete, dass es heute Nacht noch ein Plätzchen für mich gibt. Die Wirtin spricht etwas Englisch und so kann ich mich sogar für zwei Nächte hier einmieten. Ob Schlafsaal oder Einzelzimmer spielt keine Rolle, da hier alle Übernachtungen das gleich viel kosten. Abendessen gibt es heute leider nicht, dafür morgen aber Frühstück. Als die Herbergsmutter mich zu meinem Zimmer führt, fällt meine Blick in den Aufenthaltsraum, der, dem Haus entsprechend, mit einem Go-Tisch (jap. Spiel mit weißen und schwarzen Steinen) sowie Shogi-Brett (jap. Schach), einer Sitzgruppe mit Rückenstützen und Utensilien für die Teezeremonie bestückt ist. Es gibt zwar auch einen Fernseher, ein schwarzes Klavier und eine Computerecke, aber das gehört mit zum Service. Was mich wundert, ist nur der Ausländer mit den grauen Haaren am Computer. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich ihn für Hajo halten. Doch der müsste mittlerweile in Nara oder Kyoto sein Unwesen treiben. Aber diese Schirmmütze und diese Größe, das ist tatsächlich Hajo, der vertieft in seine Computerarbeit, mich wohl nicht gesehen hat! Auch als ich ihn anspreche, höre ich von ihm nur ein abwesenden „gleich, ich muss noch was raussuchen“. Na ja, er wird mir nicht gleich davon laufen und so beziehe ich erstmal mein Zimmer ganz oben unter dem Dach.

Herrlich, ein richtiges Bett, zwar liegt ein dicken Dachbalken in gefährlicher Kopfhöhe, doch habe ich das Zimmer ganz für mich. Die Toilette liegt nur kurz um die Ecke, das Badezimmer unten neben der Küche. Ich lade mein Gepäck ab und stoße wieder zu Hajo. Wir begrüßen uns erstmal und trinken eine Runde Tee bzw. ich ziehe einen Kaffee vor. Während wir uns noch unsere Erlebnisse erzählen, vor allem wie wir die Strecken am Bangai Nr. 20 gemeistert haben, stößt eine junge Frau zu uns. Sie ist Schweizerin und auf ihrer Japanreise für eine Stippvisite hier auf dem Koyasan gelandet, da sie einen Verwandten in Japan besucht hat. Sie hat noch keinen festen Plan, wo es als nächstes hin gehen soll. Beseelt von unseren Shikoku Erlebnissen unterbreiten wir ihr den Vorschlag, doch die kleine Runde von Tempel Nr. 1 bis Nr. 17 zu machen. Dann hat man einen schönen Einblick in den Pilgeralltag und ist auch sportlich etwas gefordert. Man muss es ja nicht gleich übertreiben und wie wir die ganze Runde machen. Als wir uns überlegen, wie wir den frühen Abend verbringen wollen, wir müssen noch irgendetwas zum Abendessen organisieren, fällt mir die Telefonnummer vom „Kult-san“ aus dem Muryōkō ein, die mir der junge Mann vom Bangai Nr. 20 gegeben hatte. Kurzerhand drücke ich die Nummer Hajo in die Hand, der bei seiner Rückkehr stolz berichtet, dass wir sogleich im Muryōkōin Tempel vorbeikommen können. Unsere Schweizerin kennt den Priester Kurt Genso aus der Presse, da es vor kurzem Berichte über den gebürtigen Schweizer gab, der hier vor mehreren Jahren herkam, um Shingon Priester zu werden. Er lebt im Muryōkōin, einem Tempel, in dem mehrere ausländische Mönche und Nonnen ordiniert sind.

Der Muryōkōin (http://www.muryokoin.org/) liegt hier direkt um die Ecke. Schnell haben wir uns aufgerappelt und schnellen Schrittes den Weg bis zum Eingangstor hinter uns gelassen. Hajo fragt einen Mönch, der ihm im Innenhof entgegenkommt, nach Kurt Genso. Wenige Augenblicke später kommt der Schweizer auch schon, um uns durch das Labyrinth von Treppen und Gängen zu seiner kleinen Kammer zu führen, wo er gemeinsam mit seiner japanischen Frau lebt. Er sei gerade aus Thailand zurückgekehrt, wo er ein Projekt durchführt, das den thailändischen Mönchen ein Studium ermöglichen soll. Leider ist es noch immer so, dass es in Thailand den Mönchen verboten ist, sich in der Nähe der holden Weiblichkeit aufzuhalten. Bei einem Studium, bei dem man nun mal gemeinsam die „Schulbank drückt“, kann das leider nicht ausgeschlossen werden, so dass die Mönche entweder das Studium oder den Mönchsstatus aufgeben müssen. Kurt schwebt, nicht nur aufgrund dieses Geschlechterproblems, eine Universität für Mönche vor. Er selber unterstützt einige Jungs, die er im thailändischen Tempel kennengelernt hat mit Geld und als väterlicher Führer. Den Aufbau einer Biologieabteilung in einer Schule hat er gerade abgeschlossen und ein Projekt, um eine Bibliothek aufzubauen, wurde gerade wieder gekippt, da es sinnvoller erschien für das Geld Computer zu kaufen, die einem den Zugriff auf aktuelle Informationen ermöglichen. Dann war da noch das Problem mit der Computerbedienung. Aber glücklicher Weise hat Kurt einen Lehrer gefunden, der den Lernwilligen Computerunterricht erteilen konnte. Es scheint mir, er folgt dem alten Spruch – „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ und so bekommen wir bei seinen Erzählungen einen Eindruck von seinen Projekten. Von ihm selbst erfahren wir nur, dass er aus der Schweiz stammt, Kunst studiert und lange in, ich glaube Venedig, gelebt hat, wo er auch seine japanische Frau kennengelernt hat. Tamara, unsere Begleiterin aus der Schweiz, kennt Kurt aus Zeitungsberichten und Reportagen, die aus seinem Heimatland stammen. Wir sitzen hier bei einer Tasse Tee auf dem Boden seiner Mönchszelle an einem kleinen Tisch, die Wände sind mit Bücherregalen zugestellt. Ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Irgendwie schlicht und spartanisch hatte ich mir so ein Mönchzimmer vorgestellt. Aber für seine vielen Projekte, er dient dem Koyasan als Dolmetscher und ist, obwohl es nicht gerne hört, so eine Art Diplomat des Koyasan, fungiert für ausländische Touristen als Fremdenführer und auch sonst Foto-, Buch-, und Fernsehprojekte am laufen. Ein vielbeschäftigter Mann, der noch dazu eine Ehefrau hat, und als Priester seinen Dienst im Tempel auch nicht vernachlässigen darf. Er erzählt uns, dass demnächst ein Produktionsteam von ZDF ihn besuchen will, da es um den Pilgerweg von Shikoku geht. Den ist er zwar als Shingon Buddhist noch nie gepilgert, dafür können wir ihm umso mehr Geschichten davon erzählen. Es endet damit, dass wir, wie in Japan üblich, Visitenkarten austauschen und eine Einladung zur Morgenmeditation bekommen, die um 6.00 Uhr stattfinden soll.

Da wir noch kein Abendessen hatten, erklärt Kurt-san uns noch den Weg zu einer kleinen Kneipe, in die die Tempelmitglieder des Öfteren einkehren, weil es dort gutes, preiswertes Essen gibt. Hajo muss uns jetzt verlassen, da er so pünktlich eingecheckt hat, dass er noch Abendessen in der Jugendherberge ergattern konnte. So mache ich mich dann mit Tamara auf, um die Kneipe zu besuchen, dessen Speisekarte ebenfalls von Kurt-san ins Englische übersetzt worden ist. Ich esse ein Curry Ramen für 600 Yen. Das ist so eine Mischung aus Ramen, dünne, chinesischen Nudeln mit Suppe und einem Curry, das man sonst als Reisgericht serviert bekommt. Die Kneipe ist klein und wir futtern an der Theke. Auf der Toilette suche ich das Handwaschbecken vergeblich, das finde ich dann im Gastraum an der Wand. Als wir unsere großen Schüsseln serviert bekommen, überlege ich noch, ob ich es wagen kann, mir die riesige Schüsse, wie in Japan durchaus üblich, an die Lippen zu setzen, um sie dann geräuschvoll auszuschlürfen. Aber mit einem beherzten „supuno arimasuka“ (Gibt es Löffel?) bekommen wir dann doch noch Löffel gereicht. Als wir heute Abend in die Jugendherberge komme, rauscht mir vor lauter Informationseingabe der Kopf. Was habe ich heute alles Interessantes gesehen und erfahren. Allein das Gespräch mit Kurt-san hat mehrere Stunden gedauert. Ich falle heute tot müde ins Bett. Ich hab es nicht mal mehr geschafft, ein heißes Bad im Ofuro (jap. Bad) zu nehmen. Morgen werde ich mit Hajo den Koyasan erkunden und mir von ihm die Tempel zeigen lassen, in denen ich noch nicht gewesen bin.


Pilgerwege http://www.sekaiisan-wakayama.jp/english/sisan_index.htm

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