Karte von Shikoku mit den 88 Haupt- und 20 Nebentempeln


Dienstag, 8. Juni 2010

Mittwoch, 08.04.2009, Ehime, Uchiko Town, Fuji-ya Ryokan

Der 24. Tag in Japan
Das Frühstück ist auf 6.00 Uhr angesetzt, da die Wirtin weiß, dass Pilger früher aufstehen müssen als normale Touristen. Aber schon um 5.00 Uhr rührt sich in den andere Zimmer was. Durch die dünnen Wände hört man jedes Gespräch und jeden noch so leise gestellten Fernseher. Beim Frühstück sind alle wieder versammelt, das Ehepaar, meine beiden Gentlemen und ein weiterer Japaner. Zum japanischen Frühstück bekomme ich ein Ei und auwei – es ist leider nicht gekocht, sondern soll nur den Frühstücksreis aufpeppen! Beim Aufbruch, ich habe mich vorher nicht mit meinen beiden Pilgerkollegen absprechen können wann es wieder losgeht, verabschieden wir uns gemeinsam von der Wirtin und ich mache noch ein Foto von ihr. Auf dem Trail trennen sich unsere Wege, da Herr Siam eine andere Route wählt. Während er an der Straße 380 entlang wandern will, werde ich beim Schrein Mishima Jinja abbiegen, um den Tempel Nr. 44 heute über die Nordroute zu erreichen. Auf meinem Weg begegne ich einem Fasan, der vor mir über die Straße läuft, einem süßer kleiner Hund und sogar eine Ziege soll ich heute auf meinem Weg am Fluss Ohira-gawa entlang sehen. Während ich jedoch am Mishima Jinja abbiege und nach einer kleinen Bergtour wieder an einem anderen, aber gleichnamigen Mishima Jinja rauskomme, missinterpretiere ich meine englische Karte. Nach der Karte läuft hier ein kleiner Weg vom Schrein wieder auf die Straße 42. Ich verlasse also das Schreingelände und hoffe, jeden Moment auf die nächst größere Straße zu treffen. Aber Fehlanzeige, hier ringelt sich eine kleine Straße durch die Berge. Ich laufe so ca. 2 km in die falsche Richtung bis ich auf ein Sägewerk treffe, in dem ich einen Arbeiter nach dem Pilgertrail fragen kann. Der schickt mich wieder zurück zum Jinja (Schrein). Das ist immer am frustrierensten, wenn man den Weg, den man sich gerade hochgeschleppt hat, wieder zurücklaufen muss, nur weil man eine Kleinigkeit übersehen hat. Als ich endlichen das Schrein Tōri (Tor) wieder erreicht habe, finde ich auch ein Schild, dass hier ungünstig rechts an einer Hecke befestigt ist. Wenn man hier vom Schreingelände kommt, hat man das Schild im Rücken. Wäre ich aber die andere Tour gelaufen, hätte mich mein Weg hier direkt vorbei geführt. Ich werde den Autoren des englischen Buches, wenn ich mein Pilgerabenteuer niederschreibe noch so etliche Verbesserungsvorschläge unterbreiten, damit man sich, auch bei schlechter oder mangelnder Beschilderung, trotzdem zurechtfinden kann. Ich notiere in mein Notizbuch, dass ich 4 km gelaufen bin, ohne meinem Ziel, Tempel Nr. 44, nähergekommen zu sein.

Aber jetzt bin ich wieder auf dem Pilgertrail und treffe das Ehepaar aus dem Ryokan (Pension) wieder. Ganz schön schwer, die Japaner wiederzuerkennen, zumal wenn sie Pilgerkleidung tragen. Wir kommen an einer Pilzzucht vorbei und ich verstehe jetzt, was die Leute vor ein paar Tagen mit den kleinen Holzstämmen gemacht haben. Hier stehen sie, beschattet unter so eine Art Sonnenschutz, wie kleine Zäune im Wald. Ich finde sogar ein Stämmchen, an den man zwei große Shiitake Pilze vergessen hat. Aber wir wandern weiter, immer den Berg hinauf. Wir müssen hier den Shomosakawa Fluss und den Hiwata Pass bewältigen, bevor wir in der nächsten Ortschaft, Kuma-kōgen, den nächsten Tempel (Nr. 44) besuchen können. Es ist mir fast peinlich, wie schnell ich an den beiden vorbeiziehe, aber ich kann nicht auf halber Höhe Pause machen. Obwohl ich mehr Gepäck mit mir herumschleppe, versuche ich immer ein Hindernis erst zu nehmen, bevor ich Pause machen - getreu dem deutschen Motto „Erst die Arbeit und dann das Vergnügen“. Aber hier gibt es immer wieder Möglichkeiten eine Rast auf einem Bänkchen einzulegen und ich warte geduldig, bis meine Wanderkollegen mich wieder eingeholt haben. Wir treffen sogar hier oben noch auf zwei weitere Pilger, die gerne ein Pläuschchen mit uns halten. Einer schließt sich uns sogar an, aber jetzt muss ich auf Englisch Rede und Antwort stehen, da der Japaner mich förmlich ausquetscht. Aber er merkt schnell, dass wir die Luft eigentlich für den Weg brauchen, der hier den Berg hoch geht. Wortlos laufen wir dann wie die Ameisen hintereinander und bestaunen den schönen Blick von hier oben. Bis zur Stadt kommen wir noch an einem modernen, weil in Beton erbauten, Tempel vorbei. Beim Anblick eines Bootes hier oben muss ich schmunzeln: Ich vergesse immer wieder dass, obwohl wir uns hier in den Bergen befinden, wenige Kilometer entfernt, das Inlandsmeer beginnt. Es wird auch „Seto Inlandsmeer“ genannt, da es die Insel Shikoku und von der westlichen Hauptinsel Honshu sowie zur nördlich gelegenen Hauptinsel Kyushu trennt und nur über 4 Meerengen mit dem japanischen Meer im Norden und dem Pazifischen Ozean im Süden verbunden ist.

Immer wieder machen wir Pausen, da das Wetter heute doch recht warm ist bzw. der Trail heute über Stock und Stein durch die Berge führt. Endliche erreichen wird die Stadt Kuma, doch was ist das? Meine japanischen Freunde erklären mit, dass sie jetzt ihren Ryokan aufsuchen wollen und erst morgen den Taihōji besuchen wollen. Ich verabschiede mich von ihnen und da es erst 14.00 Uhr ist, werde ich sowohl den Tempel einen Besuch abstatten und auch noch ein gutes Stück weiterwandern. Ich überquere den kleinen Fuß Kuma, von dem die Ortschaft hier ihren Namen hat. Eine ganze Armader von Karpfenwimpel (koi nobori) flattern hier an einer kleinen Brücke im Wind, obwohl noch lange nicht der 5. Mai ist, das ist der Tag des Jungen-Festes, an dem sie eigentlich gehisst werden. Es sind auch keine Wimpel im eigentlichen Sinne, sondern Windsäcke, die nach dem schwarzen Koi (Karpfen) für den Vater und den roten für die Mutter, inform von blauen Kois anzeigen, wie viele Jungen in einer Familie leben. Aber auch so sehen die flatternden Karpfen, die Sinnbild für Kraft und Ausdauer des gegen den Strom schwimmenden Karpfens sind, sehr hübsch aus. Sie bilden zusammen mit den zart rosa blühenden Kirschbäumen einen tollen Kontrast. Von der Brücke kann ich schon das, zwischen den Häusern stehende, einfache Tempeltor erkennen. Das eigentliche Tor (Niōmon) steht aber noch ein Stück weiter und der eigentliche Tempel liegt noch ein gutes Stück Fußmarsch entfernt. Ich freue mich riesig, denn mit dem Haupttempel Nr. 44 habe ich laut Zählung der Haupttempel die Hälfte geschafft – heute habe ich im wahrsten Sinne des Wortes „Bergfest“.

Exkurs Tempel Nr. 44 Taihōji (大宝寺)
„Der Tempel des großen Schatzes“ war ursprünglich der private Versammlungsraum eines koreanischen Mönchs, der 701, im 1. Jahr des Inkrafttretens der Taihō Reform nach Japan gekommen war. Taihō bzw. der Taihō-Kodex war eine Verfassungsreform, in der nach chinesischem Vorbild der Konfuzianismus (Lehre des Konfuzius, der jedem Menschen einen moralisch/sozialen Platz in der Gesellschaft zuwies) mit eingeflossen ist. So leitet sich auch der Tempelname von diesem Datum ab. Oder war es ein japanischer Mönch, der von Korea heimgekehrt war? Die Tempelführer widersprechen sich in dieser Hinsicht. Eine andere Legende aus dem 6. Jahrhundert bezeichnet zwei Jäger (Ukyō und Hayato Myōjin) als Tempelinitiatoren, die während der Jagd auf eine Jūichimen Kanzeon Bosatsu (elfgesichtige Kannon) Statue gestoßen sind. Ob der Ursprung der Kannon Verehrung also in der Statue des koreanischen Mönchs liegt oder bei den Brüdern, die diese oder eine andere Figur im Wald fanden, so wird die formelle Gründung Kōbō Daishi zugesprochen, der hier zwischen 810 und 824 den Tempel wiederaufbaut hat. Der Legende nach gab es in dieser Region nur unfruchtbares Land und als der Daishi hierher kam, lebte hier nur eine einzige, einsame Frau, die ihn bat, ihr doch Gesellschaft zu leisten. Der Mönch leitete den Kuma Fluss um, so dass er näher am Tempel vorbeifließen konnte. Der umgeleitete Fluss brachte die Fruchtbarkeit zurück in die Felder und alsbald kamen auch die Bauern zurück, so dass die Frau wieder Gesellschaft bekam.1156 wurde dieser Tempel zum Ort der Huldigung des Kaisers Go-shirakawa (1127-1192; 77. Tennō), als ein kaiserlicher Gesandter hier für den erkrankten Kaiser betete. Die Schwester des Kaisers soll dem Tempel sogar als Äbtissin vorgestanden haben. Wieder und wieder wurde der Tempel von Feuersbrünsten heimgesucht. Mitte des 18. Jahrhundert konnte der Tempelvorsteher Saishuu Hōin rebellierende Bauern dazu überreden, wieder in ihre Dörfer zurückzukehren. Hierfür bekam er bzw. der Tempel eine Belohung vom damaligen Lokalfürsten von Iyo. Nachdem der Tempel 1873 abermals niedergebrannt war, wurden 1912 sowohl die Haupthalle (hondō) als auch die Daishi-Halle (daishidō) wiederaufgebaut. Der Tempelführer berichtet weiter, dass der Tempel auf der Kuma Anhöhe liegt und von einem wunderschönen Zedernwald umgeben ist. Sehenswert sind das Eingangstor mit seinen Wächterfiguren und die riesigen Strohsandalen (waraji), die hier aufgehängt wurden. Es gibt zwei Glockentürme, von denen die eine, die sogenannte „Friedensglocke“, an die Seelen der Opfer des 2. Weltkrieges erinnern soll. Dem „aruki henro“ (Wanderpilger) wird gratuliert, da er die Hälfte der Tempel besucht hat, aber er soll den Mut nicht sinken lassen, auch wenn es bis hierher ein hartes Stück Arbeit war. Vorsicht, zuweilen wird der Tempel auch mit “Daihōji“ anstatt „Taihōji“ transkribiert, genau wie das japanische Wort für Fluss manchmal mit „kawa“ oder „gawa“ umschrieben wird!

Im Tempel finde ich besonders die schöne Kannon Statue beeindruckend, die hier eine gelbe Patina angesetzt hat und einen schönen Kontrast zu den dunkelgrünen Zedern bildet. Auf dem Gelände gibt es auch eine Wand, an die Pilger ihren Namenszettelchen (osame fuda) angebracht haben – was es wohl damit auf sich hat? Vor Bäumen sind Schilder aufgestellt, die ich leider nicht lesen kann. Die Gebäude wirken sehr alt und auch der Binzuru (Buddhas Gefolgsmann) sieht in seinem Drahtverschlag eher wie ein Knastbruder als wie ein Heiliger aus.

Exkurs Datumsangaben in Japan
In Japan wird das Datum nach dem Kaiser bzw. dessen Regierungsmotto benannt. Heute ist Akihito Kaiser von Japan und sein „Regierungsmotto“ lautet Heisei („Frieden überall“). 2009 würde also Heisei 21 entsprechen. Das erste Jahr einer neuen Ära beginnt jeweils mit dem Amtsantritt eines neuen Kaisers, endet aber am 31. Dezember, sodass dieses bestimmte Jahr zu zwei Ären gehört. Seit der Meiji-Restauration (1868) gab es bisher (2009) vier Jahresdevisen/Ären:
122. Kaiser Musuhito – Motto „Meiji“ von 1868 (Meiji 1) bis 1912 (Meiji 45)
123. Kaiser Yoshihito – Motto „Taishoo” von 1912 (Taishō 1) bis 1926 (Taishō 15)
124. Kaiser Hirohito – Motto „Shōwa“ von 1926 (Shōwa 1) bis 1989 (Shōwa 64)
125. Kaiser Akihito – Motto „Heisei“ seit 1989 (Heisei 1)
In offiziellen japanischen Dokumenten wurde ab dem Kriegsende 1945 auf Anordnung der Besatzungsmächte die westliche Jahreszählung verwendet, seit dem 6. Juni 1979 gilt gesetzlich wieder die japanische. Zeitperioden werden in Japan meist mit dem Hauptsitz der Regierung bezeichnet, so z.B. Nara-Zeit (710-794), Heian-Zeit (heute Kyōto; 794 - 1192), Kamakura-Zeit (1192-1333), das Mittelalter in Muromachi (1338-1573), Azuchi-Momoyama-Zeit (1573-1603), oder auch Edo-Zeit (heute Tokyo; 1603-1868).

Aber ich will mich hier nicht länger aufhalten. Ich habe noch ein gutes Stück zu wandern bis ich eine Pilgerhütte finden bzw. in ein Onsen (Thermalbad) einkehren kann. Ich hatte leider verpennt, in Kuma Proviant zu kaufen, und da der Trail hier weiter über das Tempelgelände führt, kann ich keinen Abstecher zurück ins Tal machen. Stattdessen wandere ich weiter, durchquere den Tōnomidō Tunnel und finde glücklicher Weise in der der nächsten Ortschaft, hier steht der Sumiyoshi Schrein, einen kleinen Laden, wo ich dem Grummeln meines Magens nachgeben und noch Proviant für den nächsten Tag einkaufen kann. Was habe ich für ein Schwein, denn der Laden ist nicht in meiner Karte vermerkt. Jetzt sitze ich hier auf der Bürgersteigkante und mache Pause, bediene mich am Getränkeautomaten. Meine Wade zwickt etwas, aber ich hoffe, bis heute Abend eine Unterkunft oder zumindest eine der vielen Henro Hütten (Pilgerhütte) beziehen zu können. Es geht hier schneller voran als erwartet – so eine richtige Flachlandetappe – nur hier und da ragen hohe, aber ziemlich zerklüftete Felsen empor. Ich laufe über einen Abzweiger durch den Wald, aber die von mir angepeilte Hütte finde ich nicht. Auf dem Weg zum Onsen Koiwaya-so (Thermalbad) verliere ich abermals den Trail und lande auf einem naturkundlichen Wanderpfad. Es sind Schilder an den Pflanzen aufgestellt. Ich passiere vor einer sehr zerklüfteten Felswand ein kleines Tempelhäuschen. Es dämmert schon, ich sollte mich beeilen. Doch als ich wieder auf die Hauptstraße treffe, sehe ich keinen Onsen! Dabei ist der Koiwaga Felsen, der berühmteste weil größte Felsen dieser Gegend, direkt vor einem Restaurant. Da es hier eine Henro Hütte mit WC und Getränkeautomaten gibt, beschließe ich hier zu übernachten. Aber das mit dem Onsen ärgert mich dann doch. Obwohl, wenn ich des Japanischen mächtig gewesen wäre, erkannt hätte, dass das Restaurant gleichzeitig der gesucht Onsen ist. Aber manchmal ist man blind, weil man andere Vorstellungen bzw. Erwartungen hat. Auf dem Parkplatz vor mir steht ein Wohnmobil. Die werden wohl auch die Nacht hier verbringen, denke ich so bei mir, dann bist du wenigstens nicht ganz allein. Ich packe meine selbstaufblasbare Matratze aus, helfe ihr mit ein paar Atemstößen, die volle Dicke zu erreichen. Ziehe meine zweite Hose an, knüpfe meine Fleecejacke in meine Regenjacke und packe noch meine Mütze und meine Handschuhe aus dem Rucksack. Nachdem ich mir meine Füße im Waschbecken des angrenzenden Toilettenhäuschens gewaschen und saubere Socken angezogen habe, halte ich Abendbrot mit Tucki-Cräckern und einer Dose Traubenlimonade aus dem Getränkeautomat. Ich kuschle mich in meinen Schlafsack, ziehe noch den wasserfesten Sack über die Füße, meinen Regenponcho über den Kopf. Doch die Nacht wird sehr kalt. Hier auf der Holzbank drehe und wende ich mich, vorbeifahrende Autos blende mich mit ihrem Licht und beim Gedanken an dicke Spinnen und andere Insekten, die hier in Japan immer etwas größer ausfallen, kann ich nur wenig Schlaf in dieser Nacht finden.

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