Karte von Shikoku mit den 88 Haupt- und 20 Nebentempeln


Montag, 14. Juni 2010

Donnerstag, 23.04.2009, Takamatsu City, Momoya Ryokan

Der 39. Tag in Japan
Gerädert erwache ich hier direkt am Bahnhof – vor ständigem Schrankengebimmel, Lichterflackern und Gewackel habe ich kaum ein Auge zugekriegt. Es gibt hier keine Vorhänge und jedes Mal, wenn ich mich umgedreht habe, hat der hölzerne Untergrund gequietscht. Mein Frühstück besteht heute aus den restlichen Bananen und einem kleinen Kuchen vom Vortag. Als ich mich gegen 6.00 Uhr zum Abmarsch in Richtung Tempel Nr. 83 aufmache, ziehe ich mir noch eine „Frühstückscola“ am Automaten vor dem Ryokan. Der Trail führt im Zickzack durch ein Wohngebiet. Das ist ganz schön kompliziert, den Trail nicht zu verpassen, da man genau an der richtigen Kreuzung abbiegen muss.

Ich sehe hier viele kleinere Felder, passiere eine Bonsai Baumschule und versuche, an einem grauen (ISDN) Telefon nach Deutschland zu telefonieren. Hier im Land der Handys und UMTS, wo jeder ohne „Cell phone“ als Einsiedler gilt, ist es ein Glücksfall, noch ein öffentliches Telefon zu finden. Es gibt sie in mehreren Farbvarianten, von denen die orangen nur für lokale Gespräche und die grünen auch bei überregionalen und Auslandsgesprächen funktionieren. Ein Sonderfall sind die grauen Telefone, die über eine ISDN Leitung verfügen und Anschlussstellen für Computer aufweisen. Das Telefonieren mit so einer „International & Domestic Card“, ich hatte mir die „KDDI Super World Card“ gekauft, ist dann noch einmal eine Wissenschaft für sich.Während ich anfangs die Telefone für defekt hielt, da es kein Freizeichen gab und auch kein Display etwas anzeigte, wenn man den Hörer abnahm, kam mir später die Idee, dass nun nicht alle Telefone defekt sein könnten. Und - oh Wunder - nachdem man eine Münze eingeworfen hatte, begann der Apparat seine Arbeit aufzunehmen. Will man nun mit so einer Telefonkarte, die keine Karte im herkömmlichen Sinne ist, telefonieren, muss man erstmal den ganzen Schwanz an Nummern eingeben, der auf der Karte bzw. Zettel vermerkt ist. Aber man darf auch nicht zu schnell tippen, da man die Computerstimme am anderen Ende abwarten muss. Wenn man dann noch die richtige Ländervorwahl (49) hat und diese ohne „0“ und auch die deutsche Vorwahlnummer wählt, kann man guter Hoffnung sein, dass nach Eintippen der Telefonnummer sich am anderen Ende jemand meldet. Es sei denn, man hat sich verrechnet und ruft mitten in der Nacht zu Hause an. Bei ca. 8 Stunden Zeitverschiebung erleichtert das richtige Timing die Verbindung zur gewünschten Zielperson. Ich hätte zwar auch ein Handy bzw. eine SIM-Karte für ein Handy mieten können, der Verkauf an Ausländer im Zuge des Anti-Terrorismusgesetztes verboten wurde, aber man konnte mir nicht garantieren, dass die Geräte auch in den Bergen und auf der ländlichen Insel Shikoku funktionieren würden. So hatte ich darauf verzichtet, obwohl man im Flughafengebäude von Kansai durchaus Shops für solche Zwecke gibt.

Aber wieder zurück auf den Trail, der mich meinem ersten Ziel für heute, Tempel Nr. 83, näherbringen soll. Drei Pilger mit diesen kleinen 35 l Rucksäcken überholen mich, wir grüßen und ziehen ansonsten aber unserer Wege. Während sie dem Zickzack Trail unter dem Takamatsu Expressway (Autobahn) folgen, laufe ich hier am Koto Fluss auf einem als Fahrradweg ausgezeichneten Pfad entlang. Das Flussbett ist hier weitläufig. Da der Fluss nicht so viel Wasser führt, sind die Uferbereiche saftig grün. Fischreiher und anderes Getier tummeln sich hier. Von Zeit zu Zeit kommt auch mal ein Radfahrer vorbei. Da die japanischen Fahrräder immer extrem kurze Sättel haben, so dass der Abstand zu den Pedalen sehr klein bleibt, erinnern mich die Fahrer immer an den Spruch „Affe auf Schleifstein“. Die Knie werden bei Treten immer sehr hoch vor den Körper gezogen, es sieht unbequem mehr wie BMX-Fahren aus als wie eine entspannte Fahrradtour. Aber auf alle Fälle kommen diese „Schleifstein Affen“ schneller voran als ich. Jetzt muss ich aber aufpassen, dass ich die richtige Brücke erwische, damit ich den Weg zum Tempel finde. Wenn ich hier die Brücke überquere, müsste ich demnächst auf einen „Koban“ genannte Polizeibox treffen. Das sind kleine Häuschen bzw. Container, in der ein ortskundiger Polizist Dienst tut. Sollte man den Weg verlieren oder eine Adresse nicht finden, hier in Japan werden die Straßen nicht alle benannt, kann man hier nachfragen. Aber große, blaue Verkehrsschilder zeigen mir den Weg zum Ichinomiyaji Tempel (Nr. 83) und geben mir weiter Auskunft, dass Tempel Nr. 84 (Yashimiaji) in 18 km Entfernung liegt. In der Nähe werde ich dann wohl auch meine Unterkunft suchen müssen.

Exkurs Tempel Nr. 83 Ichinomiyaji (一宮寺)
„Der erste Schrein Tempel“ wurde 704 von dem Mönchsgelehrter und Vertreter der buddhistischen Hossō-shū Schule Gien (644-728) noch unter dem Namen „Dahō-in“ gegründet. Erst 716 bekam er den heutigen Namen, der sich auf den Tamura Schrein in seinem Innenhof bezieht. Zu jener Zeit bekam auf kaiserlichen Befehl jede Provinz ein Provinzschrein („Ichinomyia“). Aber laut Tempelführer war es Gyōgi (668-749), der den Tempel damals umbenannt hat. Zwischen 806 und 810 wurde der Tempel-Schrein von Kōbō Daishi wiederaufgebaut, er schnitze als Honzon (Hauptgottheit) eine stehende Sho Kannon Figur und brachte sie im heutigen Daishidō (Daishi Halle) unter. Wie so viele andere Tempel auf Shikoku brannte auch der Ichinomiyaji im 16. Jahrhundert nieder. 1679 wurden Tempel und Schrein auf Anordnung des Herrschers von Takamatsu, Yorishige Matsudaira, offiziell voneinander getrennt und 1701 als Sanuki Ichinomiya („Schrein Tempel von Sanuki) wiederaufgebaut. Bemerkenswert sind die vielen kleinen Shinto-Tōri (rote Tore), durch die der Pilger auf Knien kriechen muss, damit er sich vom schlechten Karma und von bösen Mächten befreien kann. „Ichinomiya Goryō“ werden die drei Steintürme genannt, die aus dem 13. Jahrhundert (vermutlich 1247) stammen und den drei Göttern des Tamura Schreins, der legendäre Kaiser Kōrei (342 – 215 v. Chr.; 7. Tennō), Momosohime und Isosaseri-no-Mikoto, gewidmet sind. Während ich ersteren noch finden kann, ist über die beiden anderen nichts im Internet aufzutreiben. Ich schätze, dass es sich vielleicht um eine Prinzessin handelt, da das Wort „hime“ darauf hindeutet. Aber da es viele Homophone (gleich klingende Worte) im Japanischen gibt, bin ich mir nicht sicher. Auch „Mikoto“ ist lediglich eine Ehrenbezeichnung („Erlauchtheit“) für Shintogötter (kami), so wie das „Nyorai“ der buddhistische Ehrentitel („Erleuchteter“) für Buddhas ist. Aber ich möchte noch „Jigoku no kama“, den „Kessel der Hölle“ erwähnen, der, wenn man als sündiger Pilger seinen Kopf in dieses niedrigen „Steinschrank“ steckt, sich seine Tore schließen und einen den Kopf eingeklemmt wird, wenn nicht Schlimmeres.

Der Tempeleingang des Ichinomiyaji ist mit einem einfachen Sanmon bestückt, obwohl der Begriff „Bergtor“ hier nicht ganz passt, da der Tempelbezirk eben nicht an oder auf einem Berg liegt. Ich suche erstmal das hübsche Toilettenhäuschen auf, anstelle eines Waschbeckens steht hier ein Steinbecken mit Schöpfkelle. Nachdem ich meine Sutren rezitiert habe durchstreife ich das Gelände. Während ich die niedrigen „Krabbel-Tōri“ nicht finden kann, werfe ich einen Blick auf den „Höllenkessel“. Aber auch die anderen Details, wie die Statuen, eine geschlossene Lotosblüte, die lustigen Dachreiter in Form eines Ochsen und seines Bauer, sowie den Altarraum mit seinen prächtigen Laternen habe es mir angetan. Ich entdecke eine hübsche Ecke mit Laterne und Moos überwachsenen Stein, wenn da nicht die hässliche Wasserrinne vom Dach verlaufen würde, wäre es richtig effektvoll. Jetzt muss ich aber weiter und als ich dem Trail weiter folge, stelle ich fest, dass ich mal wieder den Tempel durch den Hintereingang betreten habe, denn hier steht das prächtige Eingangstor, das sowohl Niō (Wächterfiguren) als auch riesige Strohsandalen (waraji) aufweist. Ich folge der Straße Nr. 172. Auf dem Weg zu Tempel Nr. 84 kehre ich noch bei einem Lawson Kombini (24-h-Shop) ein. Ich kaufe mir ein Reiseset zum Zähneputzen, da mir eine Zahncreme langsam ausgeht und ich keine große Tube mitschleppen will. Auch erstehe ich noch etwas zu Essen, da ich im Ritsurin Park, einem berühmten Landschaftsgarten, eine Pause machen möchte. Da ich der Meinung bin, gut in der Zeit zu liegen, gönne ich mir heute einen Abstecher. Vor dem Park hole ich nochmals Geld von der Post. Wenn ich bedenke, wie viel Probleme wir anfangs mit der Geldbeschaffung hatten, bin ich heilfroh, dass es hier so viele Postämter gibt. Vor dem Park warten Taxis, sie sind meist pechschwarz und oft sieht man die Fahrer mit Staubwedeln die Oberfläche säubern. Japanische Taxifahrer sind da sehr gewissenhaft. Ich selber könnte nicht sagen, ob da noch ein Körnchen Staub drauf gelegen hat oder nicht, aber das ist hier so Prinzip: Alles muss perfekt sein!

Als ich den Ritsurin Park erreiche, weiß ich erstmal nicht, wo es reingeht bzw. das weiß ich schon, nur wo kann ich eine Eintrittskarte kaufen. Fälschlicher Weise betrete ich das Verwaltungsgebäude, in dem ich mit fragenden Blicken begrüßt und dann auf ein Tickethäuschen verwiesen werde. Man hat hier die Wahl, sein Ticket bei einer Person zu kaufen oder sie aus dem Automaten zu ziehen. Service wird in Japan noch „groß geschrieben“ und falls eine Warteschlange am Schalter zu lang sein sollte, kann man sich auch am Automaten selbst bedienen. Auf in den Ritsurin Park, der hier vor mehr als 300 Jahren angelegt worden und in ganz Japan berühmt ist! Einem Schild ist zu entnehmen, dass zurzeit besonders die Kirschen, Wisterien (Blauregen) und Azaleen, sowie ein Strauch der hier „Dogwood“ (Hundestrauch) genannt wird, blühen. Letztere gehört in die Familie der Hartriegelgewächse und wird in Deutschland auch „Kornelkirsche“ genannt. Es ist ein Strauch dessen Blüten aus vier weißen Blütenblättern besteht, in dessen Mitte ein grüner „Knubbel“ sich später zur essbaren Frucht entwickelt. Aber ich werde beim Durchwandern des Parks, leider kann ich nur einen kleinen Teil besuchen, von einer Horde Katzen überrascht. Hier mache ich dann noch eine Pause mit cremegefüllten Brötchen, bei der ich die jungen Katzen beobachten kann, die hier mit den Koi Karpfen spielen oder bilden die sich etwa ein, sie könnten die Fische erbeuten? Der Park ist herrlich!

Exkurs Riturin Park (von einem Schild im Park)
„Es wird vermutet, das dieser Park auf den Garten zurück geht, der nahe Shōfuda in der Genki und Tansho Ära (1572-1593) vom lokalen Herrscher Sato erbaut worden ist. Um das Jahr 1625 wurde vom Herrscher von Sanuki, Ikoma Takatoshi, der Bau eines Gartens am Südteich mit dem picturesken Berg Shiu im Hintergrund, initiiert. Dies wurde auf Matsudaira Yorishige, älterer Bruder von Mito Mitsukuni, Herrscher über Takamatsu im Jahre 1642 übertragen. Nach 100 Jahren der Erweitung und Verbesserung durch die folgenden Herrscher, wurde der Park unter der Regentschaft des 5. Herrschers Yoritaka im Jahr 1745 vollendet. Bis zur Meiji Restauration, 11 Generationen lang, wurde der Ritsurin Park als zweiter Wohnsitz der Matsudaira Familie genutzt. Der Park besteht aus zwei Teilen – dem Südgarten und dem Nordgarten, mit insgesamt 6 Teichen und 13 Felsen. Der Nordgarten, den man früher für die Entenjagd nutzte, wurde im frühen 20. Jahrhundert in den modernen Garten umgewandelt, den man heute hier besichtigen kann.“

Ein weiters Schild gibt über eine Gruppe von Pinien (Kiefern) Auskunft, die anlässlich eines Besuches von Mitgliedern der japanischen und britischen Königsfamilie eigenhändige gepflanzt worden sind. Man zählt für das Jahr 1914 Prinz Chichibu, Prinz Takamatsu und den damaligen Kronprinzen und späteren Kaiser von Japan Hirohito (1926–1989) auf, wobei die Pinie des letzteren 2005 einem Blitzeinschlag zum Opfer fiel. 1922 war es der Onkel von Queen Elisabeth II., Prinz von Wales Edward Albert, auch bekannt als Edward VIII, welcher der Liebe wegen auf den Thron verzichtete. Und im Jahre 1923 Prinzessin Nagako, spätere Kaiserin Kojun und Ehefrau Hirohitos, sowie im Jahre 1925 Prinzessin Kitashirakawa.

Der Park mit seinen vielen Brücken, Teichen mit Schildkröten und sogar einem Teehaus ist wundervoll. Alles ist so hübsch grün und großzügig, so dass man den Beton Dschungel der Großstadt vergisst. Nur die Seerosen blühen leider noch nicht in ihrer vollen Pracht.

Jetzt mache ich mich aber wieder auf den Weg. Doch als ich hier zwischen den Hochhäusern der Stadt Takamatsu, was so viel wie „hohe Pinie“ bedeutet, entlang laufe, überholt mich ein Auto und bremst plötzlich kurz hinter mir. Ich warte, dass was passiert, dass jemand aussteigt - aber Fehlanzeige. Schließlich springt dann doch noch eine Frau aus dem Auto und übergibt mir eine Dose Tee und einen schildkrötenförmigen Schlüsselanhänger mit viel Verbeugen und „Ohenro-san“ („Ehrenwerte Frau Pilgerin“). Ich will mich noch bedanken, aber da ist sie schon wieder ins Auto gesprungen. Mein Gott - sind die Japanerinnen schüchtern!

Ich laufe eine ganze Zeit an der Straße Nr. 11 entlang, der Abzweiger zum Yashima Plateau, auf dem der Tempel Nr. 84 liegt, darf ich nicht verpassen. Aber ich habe was ganz anderes im Sinn, da ich im naheliegenden Fluss wilde Schildkröten beobachte. Nach einem kurzen Blick in die Karte stehen meine Pläne fest: Ich will hier in der Nähe des Bahnhofs Kotoden-yashima in die Jugendherberge einchecken, mein Gepäck dort lassen und für den Rest des Tages den Tempel Nr. 84 besuchen. Aber ich habe mal wieder nicht mit den japanischen Geflogenheiten gerechnet, denn als ich mich endlich die steile Straße hoch gequält und den Zugang zur Jugendherberge gefunden habe, ist die verrammelt. Das Gebäude sieht verlassen aus, obwohl ein Schild mir Hoffnung gemacht hatte, das es die gesuchte Jugendherberge ist. In der Nachbarschaft suche ich Leute, die mir Auskunft geben könnten. Zum Glück finde ich einige freiwillige Helfer, die hier wohl den nicht vorhandenen Verkehr regeln. Ein an mir vorbeischlendernder Pilger schenkt mir einen Schoko-Bonbon, aber da Smalltalk schwierige ist, er spricht mal wieder kein Wort Englisch, weiß ich nicht warum er diese Straße hoch wandert, da dort nur die gebührenpflichtige Autostraße hoch läuft bzw. der der Trail zum Tempel auf der anderen Seite entlang geht. Gefrustet mache ich mich wieder auf den Trail und versuche die eingetragenen Unterkunftsmöglichkeiten zu erkunden. Aber Fehlanzeige, hier stehen so viele Häuser bzw. die Nachfrage bei den freiwilligen Helfern hat keine klare Antwort ergeben, wo und ob die anderen Unterkünfte hier zu finden sind. So mache ich mich dann also auf den Weg, den Yashimaji Tempel zu besuchen und das mit vollem Gepäck! Ich schleppe mich hier den mit Steinplatten ausgelegten Weg hoch, muss mich aber an einer roten Cola Bank verpusten. Hier ist es so steil, dass Schilder darauf hinweisen, damit man sich nicht hinfällt. Aber irgendwann stehe ich dann vor dem ersten der Eingangstore, das mit herkömmlichen Niō (Wächterstatuen) bestückt ist. Das zweite Tor hat keine hölzernen Wächter, sondern aus Metall gegossene, die noch dazu in einem schön gestalteten, mich an ein chinesisches Fenster erinnernde, Holzkonstruktion stehen.

Exkurs Tempel Nr. 84 Yashimaji (屋島寺)
„Der Tempel der Dach Insel“ würde die Bedeutung der Kanji wiedergeben, aber vielleicht auch „Tempel auf dem Plateau“, da es hier das Yashima Plateu gibt, auf dem der Tempel gestanden haben könnte, bevor er von Kōbō Daishi Richtung Süden versetzt worden ist. Davor hieß der Tempel Nanmen-zan („Berg, der nach Süden blickt“) und soll 754 von einem chinesischen Mönch namens Chinen-Chen (jap. Ganjin) unter dem Namen Fugendō auf seinem Weg nach Osaka gegründet worden sein. Später hat Keiun Ritsushi hier eine Halle errichtet und wurde erster Oberpriester. 815 bestieg dann Kobō Daishi auf Anordnung des Kaisers Saga (786-842; 52 Tennō), den Berg und versetzte den Tempel nicht nur gen Süden, sondern konvertierte ihn von der Ritsu Schule zu einem Shingon Tempel. Der Legende nach wurde der Daishi von einem alten Mann mit Regenmantel auf dem nebligen Berg herumgeführt. Dieser soll einst ein Tanuki (Maderhund) gewesen sein, der von der Gottheit Kannon in den Menschen Yashima Tasaburō verwandelt worden ist und ihr fortan als Bote gedient haben soll. Daraufhin habe der Daishi die Haupthalle (Hondō) in einer Nacht errichtet und für sie die Statue der elfgesichtigen (juuichimen) und 1000-armige (senju) Kannon geschnitzt haben. Ende des 12. Jahrhundert fand hier in der Nähe eine der letzten Schlachten der „Gempei Kriege“ („Minamoto-Taira-Kriege“), einer Auseinandersetzung der konkurrierenden Minamoto (bzw. Genji) und Taira (bzw. Heike) Klans, statt. Der Konflikt begann im Jahr 1156. Der abgedankte Kaiser Sutoku, uns bereits bekannt, und der regierende Tennō Go-Shirakawa, sein Halbbruder, hatten erhebliche Differenzen, die zu einer militärischen Auseinandersetzung führten. In diesem Konflikt unterstützten die Taira unter Taira Kioyomori den amtierenden Kaiser und gewannen. Die Minamoto standen diesmal noch auf der Verliererseite, ihr Oberhaupt wurde hingerichtet. Nach fünf Jahren Krieg und vielen Schlachten, fand 1185 die entscheidende Seeschlacht bei Danoura statt, aus der die Minamoto erfolgreich hervorgingen. Von Minamoto Yoritomo hatte ich im Zusammenhang mit der Hōgen Rebellion (1156) schon berichtet. Dieser nutzte den Besatzungszustand Japans aus, um seine Kamakura-Regierung und die damit verbundene Zeltregierung (bafuku), eigentlich Beamtenregierung, zu installieren. Das Museum auf dem Tempelgelände ist dieser vorletzten Schlacht gewidmet. Es gibt Relikte, Rüstungen und Bilderrollen, die die Geschichte der beiden rivalisierenden Klans zeigen. Eine Glocke von 1223 erinnert noch heute an den Niedergang der Taira.

Das ist hier schon ein beeindruckender Tempelkomplex: das Museum mit seinem postmodernen Design, die steinernen Tanuki Figuren (Marderhunde) mit dem Schrein und die vielen großen und kleinen Gebäude. Die unzählige Statue und vor allem der große Vorplatz machen so richtig Eindruck auf mich. Aber ich will mich hier nicht lange aufhalten, da ich meine Pläne umstellen muss. Nachdem ich meine Pilgerverpflichtungen erfüllt habe, mache ich mich wieder auf den Weg, diesmal aber an der anderen Seite des Berges entlang zum Gokenzan, auf dem der nächste Tempel auf mich wartet. Hierzu muss ich allerdings wieder ganz nach unten in die Stadt laufen, um dann durch das Hafengebiet wieder zum nächsten Tempelberg hinaufzukraxeln. Ich muss mich von der herrlichen Aussicht, die ich von hier oben habe wieder losreißen, aber auf meinem Weg nach unten treffe ich immer wieder auf interessante Örtlichkeiten. Schilder geben Auskunft welche Helden hier den Tod gefunden haben. Während ich am Anfang auf den Blättern, die auf dem Trail liegen, fast ausrutschte, ich hätte wohl doch nicht diesen steilen Trail wählen dürfen, verläuft der weitere Weg einige Zeit über die vorher erwähnte Autostraße, um dann durch ein Wohngebiet zu führen. Hier treffe ich auf zwei alte Damen, die ihre Einkäufe mit einer Schubkarre den steilen Hang hochschieben. Mit einem von Herzen kommenden „ganbatte“ (Geben sie Ihr Bestes; nur Mut!) versuche ich, den beiden älteren Damen Mut zuzusprechen. Aber so halten sich die beiden Damen auch fit, die werden bestimmt nicht an Bewegungsmangel sterben. Es ist jetzt knapp 16.00 Uhr, ich liege gut in der Zeit, um noch den nächsten Tempel in mein Pilgerbuch aufzunehmen. Aber die Henrozeichen sind hier nicht eindeutig – zum Glück kann ich aus der Ferne eine Seilbahnstation erkennen. Ich vertüddel mich zwar kurz vorher in einem Wohngebiet, kann aber dann doch noch die Seilbahn zum Tempel besteigen. Es ist keine Seilbahn im strengen Sinne, sondern eine Schienenbahn, die an einem Seil den Berg hochgezogen wird. Zusammen mit einigen älteren Damen und Herren stürze ich dann kurz vor 17.00 Uhr aus der Bahn zum Pilgerbüro.

Exkurs Tempel Nr. 85 Yakuriji (八栗寺)
„Der Tempel der acht Kastanien“ liegt auf dem Gokensan, „Fünf Schwerter Berg“, und beide Namen gehen auf Legenden zurück, die Kōbō Daishi betreffen. Bevor Kōbō Daishi 804 nach China reiste, vergrub er hier 8 geröstete (!) Kastanien, die, nachdem er von seiner Reise zurückgekehrt war, zu 8 stattlichen Bäumen ausgewachsen waren.

Als der Daishi 827 hier die Morgensternmeditation vollzog (Gumonjihō), erschienen ihm fünf Schwerter und die Shinto Gottheit Zaō Gongen, die ihn auf die Heiligkeit des Berges hinwies. Die Schwerter vergrub er in einer Höhle und gründete den Tempel. Da der Berg ebenfalls fünf große Felsen auf der Spitze aufwies, war der Name nicht unbegründet. Als Honzon (Hauptgottheit) schnitze er eine Shō Kannon Figur. Der Tempel erblühte, fiel jedoch im 16. Jahrhundert Chōsokabe Truppen zum Opfer und wurde niedergebrannt. Zwischen 1592 und 1596 erneuerte ein Priester namens Muhen den Tempel, 1642 der Herrscher von Takamatsu. 1709 wurde der Tempel von Matsudaira Yoritoyo (1680-1735) an seine heutige Stelle versetzt. In der Shōten Halle von 1676 (auch Kangiten Halle) wird der elefantenköpfigen Hindugottheit Ganesha gehuldigt, dessen Statue von Kōbō Daishi stammen soll. Auf alle Fälle wird die Statue nur alle 50 Jahre der Öffentlichkeit präsentiert, sie steht für Erfolg im Job, harmonische Beziehungen und allgemeines Glück – ein Leben lang.

Nach dem Eintrag in mein Pilgerbuch (nokyocho) kann ich getrost meinen Pilgerverpflichtungen nachkommen und mich in Ruhe auf dem Gelände umsehen. Hier Tempel und Schrein auseinander zu halten ist schwierige, schon das Tempeltor erwartet den Pilger mit eigenartig grün bemalten Wächterfiguren. Es gibt hier Statuen in Hülle und Fülle, aus Stein, Metall und Holz. Kannon als Honzon (Hauptgottheit), eine sitzende Statue eines Priesters, vielleicht Muhen? Nach einer kurzen Treppe eine Minipilgertour der 88 Tempel, und die 13 Buddhas des Shingon Buddhismus. In den Fels sind Nischen gearbeitet in denen Buddhas stehen, Gorintos (5-stufige Steintürme) sind ebenfalls in den Fels geritzt. An einer verborgenen Stelle zwischen den Gebäuden entdecke ich eine Sammlung von Getas (hölzerne Sandalen) und Strohsanalen in allen Größen – was es damit wohl auf sich hat? Ich überlege, da die Sonne langsam untergeht, wo ich hier eine Unterkunft finden könnte. Im Tempel geht es nicht, da hier kein Shokubō (Tempelunterkunft) angeboten wird. Ich könnte in der Hütte neben der Bergbahnstation schlafen, aber ich weiß nicht wie kalt es hier auf dem Berg werden kann. Ich passiere noch eine Ladenzeile und stehe vor einer Steinlaterne, als mir die fantastische Aussicht über Takamatsu auffällt. So im Sonnenuntergang wirkt das alles sehr idyllisch. Laut Kartenmaterial gibt es hier zwei Ryokans. Ich nehme also mein Herz in die Hand und schiebe einfach die Tür zum ersten Gebäude auf der linken Hand auf und rufe laut „sumimasen“. Und - oh Wunder - es kommt sogar jemand, den ich nach einem Zimmer fragen kann. Der Wirt lässt mich bei einem Glas Eistee warten, da mein Zimmer noch gesaugt und hergerichtet werden muss. Sie hatten wohl so spät nicht mehr mit Gästen gerechnet. Ich bezahle 3350 Yen für die Übernachtung, ohne Essen, aber glücklicher Weise hatte ich genug Proviant gebunkert, um sowohl Abendessen als auch Frühstück davon zu bestreiten.

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